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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

eine Umfrage zum Thema Weihnachten hat die Redaktion der Zeitschrift "einfach leben" in der Adventszeit verschickt, in der man ankreuzen konnte, worauf man sich in dieser Zeit besonders freut. Genannt wurden da gemütliche Abende, Plätzchen backen oder der Besuch eines Weihnachtsmarkts. Gefragt wurde außerdem, ob man die Advents- und Weihnachtszeit als eher stressig empfindet und was man dagegen unternimmt. Bräuche, auf die man nicht verzichten möchte, konnten ausgewählt werden und am Ende kam dann noch die Frage, ob Weihnachten als Gelegenheit gesehen wird, "spirituell aufzutanken" oder nicht. Was wohl bei der Umfrage herauskommen wird?

Trotz allen X-Mas-Trubels rund um die Festtage, trotz Lichterketten und Versandhandelskurieren, die jetzt ständig an den Haustüren klingeln – Weihnachten ist und bleibt für viele Menschen so etwas wie ein sicherer Hafen, der jedes Jahr in der dunklen Jahreszeit angelaufen werden kann. Ein Wendepunkt im Jahreslauf, bei dem Licht und Wärme allgegenwärtig sind, wenn die Menschen es nur zulassen. Menschliche Begegnungen, die sonst dem Terminkalender zum Opfer fallen, ein liebevoll gekochtes Essen, ein selbstgemachtes Geschenk – es sind die kleinen Dinge, die jetzt ihre Wirkung entfalten dürfen.

"Weihnachten ist eine Weltmacht" – dieser Satz, gesprochen an einem Altar der Christengemeinschaft, könnte über alldem geschrieben stehen.

In diesem Sinne wünscht die Newsletter-Redaktion allen LeserInnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und eine nachhaltige Wirkung der Festtage für das Neue Jahr!

P.S. Wer sich an der tatkräftigen, hoffnungsfroh stimmenden Jugend erfreuen möchte, kann das Video zur letzten Bundesschülerratstagung der WaldorfSV auf unserer Internetseite anschauen.
Außerdem möchten wir noch auf das Symposium zur Vielfalt in der Leistungsbeurteilung am 15. Januar 2016 in Luxembourg hinweisen (Konferenzsprache Englisch), das unsere Partnerorganisation The European Council for Steiner Waldorf Education veranstaltet.

Waldorf inside: Singer-Songwriterin Fee Badenius

Quelle: Pressefoto von www.feebadenius.de

(CMS) Noch kurz vor Weihnachten haben wir mit der Waldorflehrerin und Liedermacherin Fee Badenius über ihren Beruf und ihre weitere Leidenschaft, die Musik, gesprochen. Die macht sie gerne und ausdauernd, mit ihrer klaren Stimme, ihrer Gitarre und selbstgeschriebenen Texten von lustig bis tiefgründig. Seit 2009 räumt sie regelmäßig zahlreiche Preise ab, so zum Beispiel den 1. Platz bei der Sulzbacher Salzmühle 2015 oder den Liedermacherpreis „Meißner Drossel“. Nominiert ist sie bereits für den Rostocker Koggenzieher 2016 – da drücken wir schon mal die Daumen! Wer mehr von ihr hören oder sehen möchte, kann auf ihrer Internetseite stöbern.

Fee Badenius, wie sind Sie denn eigentlich zur Musik gekommen?

Badenius: In meiner Familie wurde schon immer musiziert. Wir haben immer viel zusammen gesungen, sei es bei stundenlangen Autofahrten oder Spaziergängen. Außerdem ist mein Stiefvater Musiker, so war das ganze Haus immer voller Klänge. Ich habe mehrere Instrumente ausprobiert, aber erst mit 18 angefangen, mir selbst ein bisschen Gitarre spielen beizubringen. Dann folgten auch recht schnell eigene Lieder.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Alltag?

Badenius: Tatsächlich höre ich vor allem im Auto Musik und habe leider viel zu wenig Zeit, regelmäßig selbst zu üben. Aber ich habe immer mal wieder eine Melodie im Hinterkopf, die ich dann über den Tag zu retten versuche und wenn möglich am Abend noch aufschreibe.

Wie würden Sie Ihre individuelle Klang-Mischung beschreiben?

Badenius: In meinen Liedern versuche ich, Herz und Kopf in Einklang zu bringen. Also meine Gefühle auszudrücken, aber auch wach genug zu sein, die Texte mit Doppelsinn, Witz und Hintergedanken zu füllen. Die Melodien entstehen parallel zu den Texten. Meine Musiker hören dann die „Rohfassung“, und spüren mit ihren Instrumenten der Botschaft des Liedes nach.

Was ist Ihnen die wichtigste Botschaft, die Sie mit Ihren Texten transportieren wollen?

Badenius: Es gibt keine allgemeine Nachricht, die ich vermitteln will. Ich habe aber Freude daran, die vielen kleinen, oft sonderbaren und lustigen Dinge des Lebens im Detail zu erspüren und ihnen in einem neuen Zusammenhang einen anderen Sinn zu geben. Dabei ist die Liebe zur Welt mit all ihren Geschöpfen und die Liebe zur Sprache meine treibende Kraft.

Warum sind Sie Waldorfklassenlehrerin geworden?

Badenius: Ich war selbst 13 Jahre auf der Waldorfschule und hatte das große Glück, einen wunderbaren Klassenlehrer zu haben. Insofern war und ist die Arbeit des Klassenlehrers und seine Rolle bei mir sehr positiv besetzt. Ich habe schon früh ein Händchen für den Umgang mit Kindern gehabt und mit viel Freude meine drei kleinen Brüder „erzogen“. Der ganzheitliche Ansatz der Waldorfpädagogik und die Freiheiten, die man in der Gestaltung seiner Arbeit hat, bereiten mir viel Freude.

Was ist für Sie das Besondere an dem Beruf?

Badenius: An meinem Beruf als Klassenlehrerin an einer Waldorfschule liebe ich besonders, dass ich viele Dinge zusammen mit "meinen" Kindern ausprobieren kann. Ich kann Musik, Theater, Sprache, Malerei und vieles mehr einbringen, muss mich aber auch selbst immer wieder für Dinge öffnen, die mir auf den ersten Blick nicht so nah sind. Hauptsächlich versuche ich, meinen Schülerinnen und Schülern die Freude an der Welt zu vermitteln.

Wie können Sie Ihre Bühnenerfahrung in Ihre Lehrertätigkeit einfließen lassen?

Unterrichten ist, je nach Methode, ja ähnlich wie auf der Bühne stehen. Man versucht seine Inhalte vielfältig und am besten auch ein wenig unterhaltsam zu vermitteln und freut sich, wenn die Zuschauer aufmerksam sind, lachen und am Ende etwas zum Nachdenken mitnehmen.  

Wie gelingt es Ihnen, die zwei Welten miteinander zu vereinbaren/zu verbinden?

Badenius: Auch wenn meine Klasse und die meisten Menschen der Schule natürlich wissen, was ich sonst noch so mache, versuche ich, es recht streng zu trennen und bin in der Schule nur „Frau Badenius“. Aber ich freue mich natürlich, wenn ich bekannte Gesichter bei meinen Konzerten im Publikum sehe. Dennoch sind es irgendwie zwei Welten. Es tut mir aber tatsächlich ganz gut, immer mal wieder in völlig andere Lebensbereiche einzutauchen.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die auch gerne als LiedermacherInnen auf der Bühne stehen würden?

Badenius: Einfach machen!

Vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute für den Rostocker Koggenzieher im neuen Jahr;-)!

Anruf in: Weilheim/Bayern – Die jüngste Waldorfschule

Das Gebäude der FWS Weilheim
Einschulung der neuen ersten Klasse (Copyright beide Fotos: Freie Waldorfschule Weilheim)

(CU) Der „Anruf in“ der Newsletter-Redaktion gilt dieses Mal der jüngsten Waldorfschule in Deutschland: erst im Juli ist die Freie Waldorfschule Weilheim in den Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) aufgenommen worden. Gesprächspartner ist Dr. Dietmar Müller, er ist derzeit Klassenlehrer der 2. Klasse und fungiert offiziell als Schulleiter.

Wo genau findet sich denn jetzt das jüngste Kind der Waldorfschulbewegung, können Sie etwas zu der Region sagen? 

Müller: Der Schulverein, der in diesem Fall eine gemeinnützige Genossenschaft ist, befindet sich zwischen München und Garmisch-Partenkirchen, d.h. wenn man von München ca. 50 Kilometer Richtung Süden fährt auf die Alpen zu – deren Panorama man hier auch sieht – kommt man nach Weilheim. Zur Zeit ist der Standort der Schule noch Huglfing, das ist nochmal elf Kilometer weiter südlich, dort haben wir ein Gebäude direkt gegenüber vom Bahnhof gefunden. In den nächsten Jahren soll die Schule dann aber nach Weilheim umziehen, das war die Auflage des BdFWS.

Das heißt, die Schule sollte nicht ganz im ländlichen Raum liegen? 

Müller: Weilheim ist die Kreisstadt des Landkreises Weilheim-Schongau. Wir haben auch jetzt schon ein ganz großes Einzugsgebiet für die Schule, das reicht von Tutzing im Nordosten bis Murnau im Süden, auch Dießen am Ammersee gehört dazu, dort überschneidet sich der Einzugsbereich dann mit dem der Freien Waldorfschule Landsberg. Sie ist auch unsere Patenschule. Einzelne Kinder kommen demnächst auch aus Garmisch, d.h. unser Einzugsgebiet hat schon einen Durchmesser von mehr als 70 Kilometern.

Und wie groß ist die Schule jetzt?

Müller: In diesem Schuljahr haben wir drei Klassen mit insgesamt 39 Kindern. Es gibt noch weitere Anmeldungen. Wir haben im September 2014 mit einer Klasse und acht Kindern begonnen, unsere neue erste Klasse hat jetzt 19 Kinder. Die dritte Klasse haben wir als Quereinsteigerklasse eröffnet.

In der  Waldorfschulbewegung bringt man Sie als langjähriges Gremienmitglied eher mit Nordrhein-Westfalen in Verbindung – jetzt sind Sie im Rentenalter hier in Oberbayern tätig – wie ist es dazu gekommen?

Müller: Das ist eine längere Geschichte. Im September 2013 bin ich mit meiner Frau an den Ammersee gezogen, nach Dießen, sie stammt hier aus der Gegend und es war unsere Verabredung, dass wir mit Beginn meines "Ruhestands" übersiedeln. Im Januar 2014 habe ich dann auf der Delegiertentagung in Landsberg die Mitglieder der Weilheimer Initiative kennengelernt, sie verteilten Plätzchen und stellten ihr Projekt vor. Ich habe mich mit ihnen bekannt gemacht, weil ich ja hier in der Gegend wohne. Auf der Mitgliederversammlung in Esslingen im März 2014 kamen sie dann auf mich zu: „Wir haben alles für die Schulgründung, die Kinder, das Gebäude, nun verlangt das Schulamt einen Schulleiter" und sie fragten mich, ob ich einspringen könnte. Es waren allerdings nur zehn Tage Zeit. Ich habe mir dann meine Unterlagen aus NRW schicken lassen, sie wurden eingereicht und die Regierung von Oberbayern hat mich als Schulleiter und Spanisch-Lehrer genehmigt. So fing alles an. Am Anfang waren wir zu fünft im Kollegium, kamen aber nicht oft zusammen. Jetzt sind wir zu acht und haben mit dem Aufbau der Konferenzarbeit begonnen.

So richtig ist mir das noch nicht klar, um was für eine Gegend es sich genau handelt, es ist Alpenvorland, aber was lässt sich noch dazu sagen?

Müller: Dieses Gebiet hier heißt „Pfaffenwinkel“, weil es hier früher viele Klöster gab und es hat ein Charakteristikum: Es gibt eine ganz beachtliche Kunst-, Handwerks- und Musikszene und das alles von erheblicher Qualität, das ist schon erstaunlich.

Dann passt ja eine Waldorfschule ziemlich gut in die Gegend...

Müller: Allerdings! Die Gruppe, die 2009 mit der Schulgründung begann, hat ein pädagogisches Konzept entwickelt, in dem Kunst, Musik und Handwerk eine große Rolle spielen, z.B. durch einen besonderen Natur- und Werktag. Das ist toll ausgearbeitet und wurde auch sofort genehmigt. Das Kultusministerium in Bayern genehmigt neue Schulen nur, wenn sie etwas Besonderes zu bieten haben, Waldorf allein genügt da nicht. Da hält sich Bayern sehr genau an das Grundgesetzt, in dem es heißt, es müsse ein besonderes pädagogisches Interesse an der Schulgründung vorliegen.

Das heißt, der Genius loci wurde in dem Konzept eingefangen?

Müller: So ist es. Allgemein kann man sagen, dass an der Schulidee hier großes Interesse herrscht. Bei der Eröffnung im September 2014 waren drei Bürgermeister anwesend, alle wollten die Schule in ihrer Gemeinde haben. Aufgrund der Vorgabe des BdFWS sind wir jetzt mit Weilheim im Gespräch wegen des neuen Standorts.

Es ist schon alles sehr familiär hier, ich bin z.B. auch immer beim Landkreis in der Dienstbesprechung der regionalen Schulleiter dabei. Jetzt kam auch der Vorschlag, dass wir diese Besprechung im Februar 2016 in unserer Schule durchführen. Da sieht man auch das Interesse des Schulamts und der anderen Schulleiter an unserer Idee.

Und wer sind Ihre Eltern? Eher Ortsansässige oder Zugezogene aus München?

Müller: Von den 33 Elternhäusern sind ca 6-7 beruflich in München tätig, der Rest stammt von hier, also man kann schon sagen, die Mehrheit. Wir haben auch immer mehr Anfragen von hier.

Dann müssen Sie sich um die Zukunft der Schule ja keine Sorgen machen...

Müller: Nein, das denke ich auch nicht. Wir haben jetzt auch mit dem Aufbau der Schulstrukturen begonnen, wir haben sehr gute Leute im Vorstand der Genossenschaft, im Kollegium und im Elternbeirat. Außerdem konnten wir eine tüchtige Geschäftsführerin gewinnen, sie wird sich auch um die Sponsorensuche kümmern. Insofern hoffe ich sehr, dass wir jetzt mit dem Aufbau gut weiterkommen. Was uns jetzt gerade am meisten fehlt, ist die Lehrerin der zweiten Klasse, die die Schule gerade wieder verlassen hat. Das war ja der Grund, warum ich eingesprungen bin.

Dann hoffen wir mal, dass sich vielleicht durch die Veröffentlichung im Newsletter schnell ein Lehrer oder eine Lehrerin für Ihre zweite Klasse findet! Und auch weiterhin alles Gute für Ihre junge Schule!

Überlinger Waldorfschule erhält Qualitätssiegel „Gesunde Schule“

(ABa) Die Freie Waldorfschule Überlingen hat erneut das Qualitätssiegel „Gesunde Schule“ für ihre Bemühungen im Bereich der Suchtprävention verliehen bekommen. Dieses Jahr kamen außerdem Auszeichnungen für die Bereiche Ernährung, Gewaltprävention und seelische Gesundheit hinzu, so dass die Schule sich jetzt über das Qualitätssiegel in der Kategorie Silber freuen kann.  

Die Waldorfschule hatte bereits 2008 eine Delegation für Sucht-, Gewalt-, Medienfragen und Beziehungsethik eingerichtet, in der LehrerInnen, die Schulärztin und die Präventions­beauftragte Marion Hack zusammenarbeiten. Die Gruppe bemüht sich seither um eine stetige Verbesserung der Gesundheit der Schülerinnen und Schüler.

Zusätzlich zu der Fülle der bereits im Waldorflehrplan enthaltenen präventiven Elemente bietet die Delegation für die LehrerInnen der Schule ein lehrplanähnliches Konzept zu den vier Themenbereichen Sucht- und Gewaltprävention, Medienfragen und Beziehungsethik an. Hierzu gehören auch Besuche im Unterricht von externen ExpertInnen, z.B. von der Polizei und dem Jugendamt. Im Curriculum der Delegation sind explizite Projekte mit SchülerInnen und Eltern zu den verschiedenen Schwerpunkten festgelegt. Beispiele hierfür sind Thementage zur Handynutzung, legalen und illegalen Drogen und eine Ausbildung zum Streitschlichter. Auch auf den Elternabenden kommen zum Teil bereits ab der zweiten Klasse Themen wie Entwicklung der Sexualität, Umgang mit dem Handy und sozialen Medien wie Facebook oder Gewaltprävention zur Sprache.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Schule war die Präventionsbeauftragte Marion Hack hauptsächlich für eine Rauchersprechstunde mit Suchtberatung zuständig. „In der Jugend werden maßgeblich die Weichen für das spätere Leben gestellt – Sucht- und Gewaltprävention können hier ausschlaggebend für die Zukunft sein“, erläutert sie die Bedeutung ihrer Arbeit.

Neben der alltäglichen Präventionsarbeit, die die KlassenlehrerInnen in ihren Klassen leisten, haben sie die Möglichkeit, die Angebote des Präventionskreises zum Thema Gewaltprävention in Form eines Sozialen Trainings in Anspruch zu nehmen. Zusätzlich werden die SchülerInnen bei Thementagen bzw. fest eingeplanten Unterrichtseinheiten von externen Fachleuten über Mobbing- und Gewaltprävention aufgeklärt. Auch für die seelische Gesundheit spielen die KlassenlehrerInnen eine wichtige Rolle. Durch den täglichen Kontakt mit den SchülerInnen und durch Hausbesuche wissen sie besonders gut, wie es den Kindern geht. Gibt es persönliche Probleme, helfen auch der Vertrauenskreis, die Schulärztin, die Präventionsbeauftragte oder eben externe ExpertInnen.

Die Auszeichnung der Überlinger Waldorfschule im Bereich Ernährung bezieht sich auf den Umgang mit Lebensmitteln, auf den die Schule in ihrem Bewerbungsschreiben ausführlich eingeht. Es werden die Ackerbauepoche in der dritten Klasse genannt, der Gartenbau Unterricht ab der fünften Klasse, ein Küchenpraktikum in der achten Klasse und die Verwendung von Bio-Lebensmitteln (teilweise in Demeter-Qualität) in der Schulküche. Auf diese Weise sollen die SchülerInnen Bewusstsein hinsichtlich der Lebensmittel und ihrer Herkunft entwickeln.

Die Freie Waldorfschule Überlingen will sich auch 2018 wieder um das Siegel „Gesunde Schule“ beim Netzwerk für Bildung und Gesundheit bewerben, die Bewerbung ist alle drei Jahre möglich. Gestaffelt wird die Auszeichnung in Bronze (ein bis zwei ausgezeichnete Kategorien), Silber (drei bis vier ausgezeichnete Kategorien) und Gold für fünf oder mehr ausgezeichnete Kategorien. Das Netzwerk für Bildung und Gesundheit setzt sich für Prävention und Gesundheit an Schulen des Bodenseekreises ein. Ähnliche Siegel gibt es auch in Köln (Gütesiegel „Gesunde Schule Köln"), in Sachsen durch die Sächsische Landesvereinigung für Gesundheits­förderung e.V. oder in Mecklenburg Vorpommern durch die Landesvereinigung für Gesundheits­förderung Mecklenburg-Vorpommern e. V.

US-Publikation zum künstlerischen Ansatz im Physikunterricht

Quelle/Foto: Prof. Wilfried Sommer/Ralph Meier-Böke

(CU) In der bekanntesten amerikanischen Zeitschrift für Physiklehrer, The Physics Teacher, erscheint jetzt im Dezember eine Veröffentlichung von Prof. Dr. Wilfried Sommer, Dozent am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik Kassel und am Institut für Fachdidaktik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, die den künstlerischen Ansatz im Physikunterricht der Waldorfschulen zum Thema hat.

Herr Prof. Sommer, kam diese Publikation für Sie überraschend?

Prof. Sommer: Nein, ich hatte im Jahr 2010 für die Zeitschrift schon einmal etwas veröffentlicht und als ich jetzt sah, dass es ein Sonderheft geben würde zum Thema „Physikunterricht: Kunst, Wissenschaft oder Kunsthandwerk“, fühlte ich mich angesprochen und reichte einen Beitrag ein. In den letzten Jahren setzte ich mich immer wieder mit der Frage auseinander, wie man das Wechselspiel zwischen Schauspielern und Zuschauern, welches einen gelungenen Theaterabend auszeichnet, auch für den naturwissenschaftlichen Unterricht nutzbar machen kann.

Als Laie käme man jetzt nicht unbedingt darauf, dass das etwas miteinander zu tun hat...

Prof. Sommer: Es ist ja das Anliegen der Waldorfpädagogik, auch wissenschaftliche Fächer so zu unterrichten, dass das künstlerische Element zum Tragen kommt. Ganz konkret kam ich auf den Gedanken, Theater und Physikunterricht zu verbinden, als ich bei einer Verleihung des Deutschen Theaterpreises DER FAUST 2011 anwesend war. Das war in der Oper Frankfurt und der Preis des Präsidenten ging an die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. Ihre Ausführungen machten mir den Zusammenhang deutlich, es waren Elemente, welche auch die Waldorfpädagogik kennt, die von ihr in ihrer Dankesrede angesprochen wurden. So kam ich mit einem fachdidaktischen Impuls aus der Oper.

Wie hat man sich diesen jetzt genau vorzustellen?

Prof. Sommer: Sowohl ein Experiment im Physikunterricht als auch eine Vorstellung haben Ereignischarakter, alle sind beteiligt. Es entsteht ein Raum, der gemeinsam ausgestaltet werden kann. SchauspielerInnen und ZuschauerInnen kommen in eine Atmosphäre, in der sich etwas verdichtet.

In Ihrem Aufsatz sprechen Sie vom „magischen Moment“, den sowohl die Theateraufführung als auch das Experiment im Unterricht erzeugen können?

Prof. Sommer: Ja, die Schülerinnen und Schüler, die dem Experiment folgen, fügen dem ganzen Vorgang eine neue Qualität hinzu. Ihre Aufmerksamkeit und die Enthüllung des Naturprozesses fließen im Experiment zusammen – so ergibt sich der Charakter einer Theatervorstellung. Es lässt sich vergleichen mit dem Zeitpunkt, an dem die Energien der SchauspielerInnen und ZuschauerInnen sich vermischen und das Gefühl verschwindet, dass man eigentlich getrennt ist. Es entsteht etwas Neues, Einzigartiges und zugleich Flüchtiges, wenn die scheinbare Mauer zwischen SchauspielerInnen und ZuschauerInnen schwindet. Erika Fischer-Lichte nannte es „die transformative Kraft der Aufführung“. Dies ereignet sich auch durch die Begegnung zwischen LehrerIn und SchülerInnen beim Experiment. Es handelt sich nicht einfach um eine Information, die durch das Experiment vermittelt wird.

Welche Auswirkungen erhoffen Sie sich von der Publikation?

Prof. Sommer: Das Ganze ist auch deswegen so spannend, weil es sich eben nicht um eine waldorfpädagogische Zeitschrift handelt. Es ist derzeit für viele AkteurInnen im Bund der Freien Waldorfschulen ein Anliegen, mit akademischen Ansätzen der Fachdidaktiken und der Erziehungswissenschaft in einen wertschätzenden und bereichernden Diskurs zu kommen, hier passt die Publikation gut hinein.
Außerdem gebe ich einmal im Jahr für die PhysiklehrerInnen an den amerikanischen Waldorfschulen der Westküste einen Kurs nördlich von San Francisco, der vom Center for Contextual Studies veranstaltet wird – sie werden die ersten NutznießerInnen des Textes sein.

Wie können die PhysiklehrerInnen hier bei uns von Ihrer Publikation profitieren? Steht der Text online?

Prof. Sommer: Bei der US-Zeitschrift müsste man dafür bezahlen, dass man ihn herunterladen kann, aber ich darf ihn auf meiner Homepage verwenden, deswegen kann man den Text dort komplett lesen.

Noch eine Frage zum Schluss – ist es immer noch so, wie die Pisa-Naturwissenschaftsstudie es herausgefunden hat, dass Physik an den Schulen als Problemfach gilt? 

Prof. Sommer: Das ist immer noch so, es wird stets ein geringes Interesse der Schülerinnen und Schüler festgestellt.

Bei dem phänomenologischen Unterricht wurde ja am Beispiel der österreichischen Waldorfschulen genau das Gegenteil ermittelt – dann kann man nur hoffen, dass Ihr Aufsatz eine möglichst große Verbreitung findet.

Prof. Sommer: Das wird für ein Fachpublikum wohl der Fall sein. Allgemein kann man sagen, dass die VertreterInnen phänomenologischer Ansätze in der Fachdidaktik Physik gut vernetzt sind.

Vielleicht dürfen sich also die Schülerinnen und Schüler über alle Schulformen hinweg auf noch mehr Experimente im Physikunterricht freuen – vielen Dank für das Gespräch! 

Jetzt vierte Waldorfschule mit Flüchtlingsklasse

Quelle: Freie Waldorfschule Kassel

(CU) Jetzt gibt es auch eine Klasse mit jugendlichen Flüchtlingen an einer Waldorfschule: Die Freie Waldorfschule Kassel begrüßte am 25. November mit einem Festakt ihre Internationale Klasse, in der 20 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge mit finanzieller Unterstützung von Stiftungen und Firmen aufgenommen worden sind. Vier weitere jugendliche Flüchtlinge beginnen an der Waldorfschule, die auch über berufliche Bildungsgänge verfügt, eine Lehre, ein jugendlicher Flüchtling wurde direkt in die 10. Klasse aufgenommen. Kassel ist nach den Waldorfschulen in Berlin-Kreuzberg, -Dahlem und -Mitte die vierte Waldorfschule, die eine komplette Flüchtlingsklasse unter ihrem Dach beherbergt.

Beim Festakt der Kasseler Waldorfschule sprach die Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink der Schule ihre Anerkennung für die große organisatorische Leistung der Einrichtung der Internationalen Klasse aus, das Jugendamt habe nicht damit gerechnet, dass die Schule ihren ambitionierten Zeitplan würde einhalten können. Wie Osterbrink weiter berichtete, würde eine jährliche Zuwanderung von 200.000 Menschen in Deutschland gerade ausreichen, um den Statuts Quo auf dem Fachkräftemarkt zu erhalten. "Schön, dass Sie zu uns gekommen sind, wir brauchen Sie" begrüsste sie daher die SchülerInnen der Internationalen Klasse.

Florian Stille von der Schulleitung unterstrich, dass es sich bei der Integration der Flüchtlinge um eine zivilgesellschaftliche Aufgabe handele, die von der Politik nicht allein gelöst werden könne. "Als Waldorfschule wollen wir einen Beitrag – mag er auch noch so klein sein – zur Bewältigung dieser gewaltigen Herausforderung leisten".

Der sozialpolitische Impuls, der mit der Gründung der Waldorfschule 1919 verbunden war, sei in den letzten Jahrzehnten eher in den Hintergrund getreten. Angesichts der weltweiten Verwerfungen habe die soziale Frage heute eine grenzübergreifende, eine globale und menschheitliche Bedeutung bekommen. "Welchen Beitrag kann Schule dazu leisten, dass sich Menschen aus verschiedenen Kulturen verstehen und gegenseitig bereichern können? Wie könnte eine Pädagogik aussehen, die das Menschsein an sich – unabhängig von Nationalität, Familie und Religion ins Zentrum ihrer Bemühungen stellt? Was ist der Mensch?" Nur wenn solche grundsätzlichen Fragen die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer begleiten, könne sich eine Schule weiterentwickeln, betonte Stille. 

Auf der kurz zuvor ebenfalls in der Kasseler Waldorfschule stattfindenden Mitgliederversammlung des BdFWS waren die anwesenden VertreterInnen der Waldorfschulen von Martin Straube, Arzt und Buchautor, ermutigt worden, sich der Aufgabe der Beschulung der Flüchtlingskinder und -jugendlichen zu stellen. 

"Willkommensklassen – was kommt auf uns zu?" lautete der Titel seines Vortrags, er referierte über Chancen und Risiken der Arbeit mit Flüchtlingskindern, um denjenigen Waldorfschulen, die sich für die Einrichtung von Willkommensklassen interessieren, eine Entscheidungsgrundlage zu bieten. Straube hat einige der notfallpädagogischen Einsätze der international tätigen Organsation der Waldorfpädagogik, der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V., in den letzten Jahren begleitet.

Der unter anderem auf Traumaerfahrungen spezialisierte Arzt sieht die Waldorfpädagogik mit ihren heilenden Impulsen als sehr gut geeignet an, um die Flüchtlingskinder angemessen aufzunehmen und zu fördern. Den Risikofaktoren, die bei der Entstehung von Traumata wirken, stellte er Schutzfaktoren gegenüber, die zur "Vernarbung" der seelischen Verletzungen beitragen können. Sie herzustellen, bilde den pädagogischen Auftrag im Umgang mit den Flüchtlingskindern und -jugendlichen. Generell ließen sich nur schwer allgemeine Aussagen zu den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen machen, betonte Straube. Oft entscheide die persönliche Situation oder auch der kulturelle Hintergrund darüber, ob eine traumatische Erfahrung zu dauerhaften Schäden führe oder nicht. Manchmal genüge freilich auch "ein falsches Wort im falschen Moment", um den Schrecken wieder aufleben zu lassen.

Mit Bildern aus den Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" oder auch "Schneeweißchen und Rosenrot" brachte Straube seinen ZuhörerInnen das Thema Traumatisierung sehr anschaulich nahe. Heilung erreichen die Stadtmusikanten dadurch, dass sie gemeinsam kreativ werden. Bei Schneeweißchen und Rosenrot bildet das Bild des Bären, hinter dessen ruppigem Verhalten der Königssohn steckt, eine Metapher für den Umgang mit Traumatisierten: "Nie den Königssohn dahinter vergessen, auch wenn das Verhalten befremdlich wirkt", ermahnte Straube.

Mit der Erkenntis der Bedeutung des rhythmischen Elements für die Lebenskräfte und auch die Entwicklung von Arzneimitteln, die auf das rhythmische System wirken, habe Rudolf Steiner PädagogInnen und ÄrztInnen Mittel an die Hand gegeben, um heilend einzugreifen bei Stress und Traumata. "Die Schulmedizin hat nichts zu bieten außer Antidepressiva, und diese wirken nicht im Sinne der Stärkung des Ich, die notwendig ist", betonte Straube. Als wichtigste Schutzfaktoren nannte er "den sicheren Ort", das Wohlbefinden, die Beziehung und den Rhythmus. Hinzu komme die Wertschätzung gegenüber den Schülerinnen und Schülern, deren Ressourcen genutzt werden müssten. "Mit Pädagogik kann man Wunder bewirken", so sein Fazit. Eine vorgeschaltete Deutsch-Lern-Klasse zur Eingewöhnung stellt auch aus der Sicht von Martin Straube ein sinnvolles Konzept zur Beschulung der Flüchtlingskinder und -jugendlichen dar.

Auf der Mitgliederversammlung wurde auch die Einrichtung einer halben Stelle bei den "Freunden" in Karlsruhe bekanntgegeben und die dafür zuständige Mitarbeiterin Susanne Stoll vorgestellt. Sie soll die Erfahrungen an Waldorfschulen mit Flüchtlingskindern sammeln und vor dem Hintergrund der notfallpädagogischen Einsätze der "Freunde" den Schulen auch eine Beratung anbieten. Ein weiteres Hilfsangebot der "Freunde" stellen deren Fortbildungen zur Notfall- und Traumapädagogik dar, wie z.B. die nächste vom 22.-24. Januar 2016 in Hamburg – eine direkte Online-Anmeldung ist möglich.

Bund der Freien Waldorfschulen e.V. | Wagenburgstraße 6 | D-70184 Stuttgart | Telefon: +49 (0)711 21042-0 | Telefax: +49 (0)711 21042-19 | E-Mail: bund@waldorfschule.de |