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Waldorfschule Online-Shop

Liebe Leserinnen und Leser,

wir wünschen Ihnen zum noch jungen Jahr 2015 alles Gute, Gesundheit, ein fruchtbares Schaffen und viele lichtvolle Momente!

Für uns begann das Jahr direkt mit dem gut besuchten und inhaltlich anspruchsvollen Thementag Gewaltprävention. Außerdem konnten wir den neuen BdFWS-Kurzfilm "Architektur und Ästhetik an Waldorfschulen" zu unserer Freude noch im Januar veröffentlichen.

Ianua heisst im Lateinischen "Tür, Zugang" – welche Türen werden uns 2015 geöffnet, wohin führt uns der Weg? Diese Frage stellt sich zu Jahresanfang immer wieder aufs Neue. 

Für Deutschland führte der Weg diesmal zunächst über eine gewichtige Schwelle: Das Gedenken an den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren, ein Thema, das die öffentliche Diskussion zu Jahresbeginn stark geprägt hat. Der Beitrag, den die Newsletter-Redaktion dazu leisten wollte, bezieht sich auf den Satz von Theodor Adorno, nach dem die allererste Forderung an Erziehung dahin geht, dass "Auschwitz nicht noch einmal sei". Was kann die Schule dazu beitragen, dass aus Menschen keine Täter werden? Auch angesichts der vielen gewaltsamen Konflikte in der Welt ist dies eine höchst aktuelle Frage. 

Darüberhinaus hat sich die Newsletter-Redaktion auf die Suche nach einer winterlichen Waldorfschule gemacht und stellt u. a. eine neue Internetplatform zum Austausch von Lehrern vor.

Viel Freude beim Lesen wünscht
Ihr Newsletter-Team!

3 Fragen an... Thomas Krauch

Was genau ist Ihre Aufgabe in der Waldorfwelt?
Seit Herbst 2013 hat Christoph Dörsch von mir die Verantwortung für die Leitung der Geschäftsstelle in Stuttgart übernommen. Die Übergabe dieser Tätigkeit ist zwar inzwischen weitgehend abgeschlossen, trotzdem bin ich weiterhin in engem Austausch mit ihm, da häufig Fragen auftauchen, die wir gemeinsam beraten. Einzelne Themen werden dann auch zur weiteren Bearbeitung von mir übernommen.
Mein Hauptaufgabengebiet ist aber derzeit die Finanzierung der Lehrerbildung. Ich bereite die Vorlagen für den Finanzierungsrat vor und setze dessen Beschlüsse um. Die gesamte Berechnung der Zuschüsse und die damit zusammenhängenden Prüfungen sowie der Kontakt zu den Lehrerbildungseinrichtungen laufen größtenteils über meinen Schreibtisch. Zuschüsse im Umfang von jährlich rd. 11 Mio. EUR müssen verantwortlich im Auftrag der Schulen verwaltet werden.

Woran arbeiten Sie gerade?

Aktuell hatten wir gerade ein Treffen mit Vertretern der Eurythmieschulen. Es ging um die Finanzierung der Studiengänge Master Eurythmiepädagogik in Alfter und Stuttgart sowie den sog. EurythmielehrerIn BA an der Hochschule in Leiden/Holland. Die Studiengänge in Leiden und Alfter sind berufsbegleitend. Ausgebildete EurythmielehrerInnen, die bereits eine Tätigkeit an einer Schule aufgenommen haben, erhalten hier eine praxisorientierte und berufseinführende pädagogische Ausbildung. In Stuttgart ist dieser Master-Studiengang dagegen eine Vollzeitausbildung. Bei den Beratungen ging es vor allem um die Frage, ob die Schulen alle drei Studiengänge wirklich benötigen werden und wie hoch ggf. eine Bezuschussung durch die deutschen Waldorfschulen sein kann. Die Hauptarbeit bestand aber in den letzten Monaten in der Erarbeitung von Vorschlägen für ein neues Finanzierungsmodell zur Bezuschussung der Lehrerbildungseinrichtungen. Diese Arbeit wird mich auch in den kommenden Monaten noch intensiv beschäftigen.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision für die Waldorfpädagogik aus?
Die Waldorfschulen schauen auf eine lange und erfolgreiche Arbeit zurück. Über bald 100 Jahre hat sich die Waldorfpädagogik nun entwickelt. Dabei ist vieles entstanden, was sich in der Praxis bewährt hat und daher tradiert worden ist. Viele WaldorfpädagogInnen sehen, dass das Bewährte und Tradierte immer wieder auch auf seine Aktualität und pädagogische Tragfähigkeit hin überprüft werden muss. Bei der oben erwähnten Zusammenkunft mit den Eurythmisten wurde von Praxisforschungsprojekten berichtet, die seit einiger Zeit von EurythmielehrerInnen durchgeführt werden. Die beteiligten KollegInnen beforschen zu selbstgewählten Fragestellungen ihre eigene Unterrichtspraxis und werden dabei wissenschaftlich begeleitet. Diese Arbeit ist sehr spannend, die beteiligten KollegInnen sind von dieser Arbeit begeistert und sehr inspiriert. Ich hatte spontan den Eindruck: Ja, dass müsste doch eigentlich jeder tätige Waldorflehrer machen! Wenn es gelänge, solche Praxisforschungsprojekte in den Schulen breiter zu verankern, wozu es natürlich der sachkundigen Anleitung und Begleitung bedarf, bekämen unsere Schulen sicher neue Impulse und die alltagsbedingte Routine würde mit neuen Entdeckungen und Erfahrungen belebt und bereichert werden. Das würde ich den Schulen wünschen und denke, dass dies gerade nach 100 Jahren Praxis einen neuen Aufbruch bedeuten könnte.

Anruf in: Dachsberg – Die höchstgelegene Waldorfschule

(CU) Der „Anruf in“ der Newsletter-Redaktion gilt heute der Freien Waldorfschule in Dachsberg-Urberg im Südschwarzwald, sie ist mit ca. 950 Metern über dem Meeresspiegel die am höchsten gelegene Waldorfschule in Deutschland. Sie hat derzeit 120 Schüler und 12 feste Lehrer plus einige Teilzeitlehrkräfte und -helfer. Mit ihrem Domizil in der früheren Kräuterscheune des Goldenhofs, eines großen urigen Schwarzwaldbauernhofs, hat sie sicherlich auch eines der ungewöhnlichsten Gebäude. Birgit Brenner ist die Klassenlehrerin der 1. Klasse. Wie sie berichtet, schneit es gerade ununterbrochen in Dachsberg-Urberg, weswegen sie ihren Elternabend auch absagen musste.

Frau Brenner, wie sind Sie persönlich denn in den Südschwarzwald gekommen? 

Brenner: Ich kann mich noch genau an meine erste Begegnung mit der Schule erinnern, es war vor 16 Jahren, ein sternenklarer Abend im schneebedeckten Hochschwarzwald. Fast die ganze Schule (damals Kl. 1-10) war zum Adventskonzert versammelt. Mein Mann, der damals schon Klassenlehrer war, und ich hatten uns beworben, wir suchten eine Schule, an der beide arbeiten konnten und so kamen wir nach Dachsberg-Urberg. Vorher arbeitete er in Nürtingen und ich machte die Waldorflehrerausbildung in Stuttgart.

Und wie ist es heute, wenn die Schule Lehrer sucht? Ist die ländliche Lage im Schwarzwald eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Brenner: Das ist eher ein Nachteil. Es bewerben sich zwar immer wieder junge Lehrer, aber solange sie keine Familie haben, kommen sie eher nicht. Unsere Schule gefällt ihnen schon, unser Kleinheit und Offenheit, bei uns ist nichts Anonymes. Aber dann muss man sich schon bewusst für das Leben auf dem Land entscheiden und das fällt Alleinstehenden, die das städtische Umfeld gewohnt sind, schwer. Wir sind ja auch als Familie gekommen.

Dachsberg-Urberg ist in der Vergangenheit eine ganze Zeitlang ein Schwerpunkt anthroposophischer Arbeit gewesen....

Brenner: Ja, das stimmt, dadurch gibt es auch noch eine ganze Reihe älterer Anthroposophen hier. Das kam durch den biologisch-dynamischen Goldenhof oder das Studenhof-Sanatorium, das nicht mehr existiert.

Diese Einrichtungen hatten es auch immer nicht so leicht, neue Mitstreiter zu finden aufgrund der Lage...

Brenner: Wobei wir heute durchaus eine Veränderung erleben. Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr junge Familien gibt, die sich dafür entscheiden, hier herauf in den Schwarzwald zu ziehen. Wir haben sogar Anfragen aus der Schweiz. Die Eltern erzählen dann, dass ihre Kinder in der Schule prima zurecht kommen, sie aber ein ruhigeres Umfeld wollen, keinen Schulstress und ganz bewusst einen anderen Platz suchen, an dem ihre Kinder aufwachsen.

Und wie würden Sie Ihre Schule beschreiben?

Brenner: Wir sind eine ganz normale, aber kleine Waldorfschule und doch anders: Wir haben einen Bauernhof dabei, die Jahreszeiten sind deutlich spürbar. Dadurch, dass wir so klein sind, ist eine besondere Wahrnehmung gegeben, man kennt sich. Wir haben auch nicht so viele Fächer anzubieten, unser Stundenplan wird von Ferien zu Ferien gestaltet. Als Abschluss haben wir die 12. Klasse und den offiziellen Realschulabschluss.

Also einen echten Waldorfabschluss?

Brenner: Ja, mit künstlerischem Abschluss und Jahresarbeit, so wie es sein soll, das ist sehr angenehm, so zu arbeiten. Die Orientierung an Prüfungen wird aber auch bei uns zunehmend ein Thema, das kommt vor allem von den Eltern.

Und was machen die Schüler, die Abitur machen wollen?

Brenner: Wer dann Abitur machen möchte, tut das in Freiburg oder an einer anderen Waldorfschule, wo z.B. Verwandte wohnen. Dabei zeigt sich, dass unsere Schüler gut klarkommen an diesen anderen Schulen. Sie sind sehr flexibel und wissen, was sie wollen. Dieses Feedback bekommen wir von den Kollegen dort. Man müsse sie nicht so mitziehen, hören wir immer wieder.

Was in der Waldorfschulbewegung gar nicht so bewusst ist: In Dachsberg-Urberg wird ja schon immer jahrgangsübergreifend unterrichtet, so etwas Neues ist das gar nicht...

Brenner: Ja, das ist richtig, wir haben den klassenübergreifenden Unterricht schon von Anfang an, also seit 1992, und wir fühlen uns ziemlich erfahren mit dieser Art des Unterrichtens. In geburtenstarken Jahrgängen hatten wir auch schon mal Einzelklassen, das war aber eine Ausnahme. Grundsätzlich arbeiten wir mit Doppelklassen, aber weniger aus Überzeugung. Wir haben einfach immer das getan, was hier am Ort notwendig war.

Und wie ist die Schule auf den Bauernhof gekommen?

Brenner: Die Initiative, eine Schule zu gründen, lag bei den Menschen, die diesen Bauernhof betrieben. Bald konnten wir ein altes Dorfschulhaus in Wolpadingen beziehen, das aber im Lauf der Zeit zu klein wurde, es hatte nur drei Klassenzimmer und einen Saal. Dann haben die Kollegen die Kräutertrocknungsschuppen auf dem Goldenhof entdeckt, das war erstmal nur eine Hülle. Sie wurde dann immer weiter ausgebaut und um die Jahrtausendwende ist das Hauptschulhaus hineingezogen. Der Naturwissenschaftsunterricht ist noch im alten Dorfschulhaus, das inzwischen auch ein Kunstprojekt beherbergt.

Wenn man Schwarzwald hört, denkt man an „Bilderbuchkinder“ vom Land, so wie sie früher waren – stimmt das denn noch?

Brenner: Nein, darüber habe ich mich gerade mit Kollegen bei der Sommertagung ausgetauscht, uns beschäftigen genau dieselben Fragen. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel die Ganztagsbetreuung ab der 1. Klasse eingerichtet.  

Dann wünschen wir Ihnen und Ihren Kollegen dabei auch weiterhin gutes Gelingen und bedanken uns für das Gespräch!

Waldorf Resources: Lehrer mit Lehrern

(CMS) Der pädagogische Impuls Rudolf Steiners hat sich in der ganzen Welt ausgebreitet. Es gibt heute auf allen Kontinenten Waldorfschulen und Kindergärten. Im Zentrum jeder Schule stehen das Kind und der Unterricht. Die bei der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 gegebenen inhaltlichen Anregungen Rudolf Steiners sowie die Methodik des Unterrichts verlangen eine zeitgemäße und kulturspezifische „Neuschöpfung“. Die neue Internetseite Waldorf Resources, die für Menschen da ist, die mit dem pädagogischen Impuls Rudolf Steiners arbeiten, will den Blick für die weite Landschaft der Unterrichtsvorbereitung öffnen und die kleinen Steine am Wegrand mit dem Kosmos in Zusammenhang bringen. Trotz der inhaltlich geprägten Form eines Online-Mediums, möchten die Initatoren die waldorfpädagogischen Hauptanliegen pflegen, insbesondere die gezielte Selbsterziehung, die Menschen in die Lage versetzt, eine kreative Pädagogik auszuüben. 

Pädagogisches Handeln ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, das heißt, es findet immer im gegenwärtigen Moment statt. Erziehung ist immer eine Begegnung mit dem Individuellen, das zu fördern ist. In der Begegnung beginnt Erziehungskunst. In diesem Sinne enthält die Unterrichtsvorbereitung auch die Nachbereitung. Was sich im konkreten Augenblick ereignet, kann nicht geplant werden. Wir sind aufgefordert hinzuschauen auf das, was sich ereignet hat.

Waldorf Resources will nun diesen Prozess der Unterrichtsvorbereitung unterstützen. Er ist individuell und kennt keine Landes- und Kulturgrenzen, so wie eine Internetseite weltweit zugänglich ist. Die neue Homepage soll als Austauschebene dienen, ersetzt aber Gespräche oder Tagungen nicht. Sie will Initiative fördern, die empfänglicher macht für pädagogische Einfälle. Sprengt ein Thema den Rahmen der Internetseite, werden wir helfen, eine geeignete Form für seine weitere Bearbeitung zu finden.

Die neue Internetseite ist in Spanisch, Englisch und Deutsch verfügbar und in folgende Bereiche gegliedert:

Foren
Wer sich heute mit der Pädagogik Rudolf Steiners auseinandersetzt, steht im Dialog mit Menschen, die in der gleichen Richtung forschend tätig sind. Die Foren unterstützen dieses Vorhaben nach Möglichkeit und Lehrpersonen können nach Konferenzen in Verbindung bleiben oder sich über bestimmte Themen austauschen.

Texte und Beiträge
Die angebotenen Artikel und Essays sind individuell und geben uns keine Rezepte, denn sie wollen Gedankenbewegungen anregen und die Ganzheit erfassen. Sie beziehen sich auf verschiedene Unterrichtsfächer, Altersstufen und weiterführende Themen.

Links
Die Internetseite beschränkt sich auf ihr Kernanliegen und enthält deshalb eine Liste von Links, unter denen ein weitergehendes Angebot bereitgestellt wird.

Veranstaltungskalender
Unter dem Stichwort „Veranstaltungen“ finden Sie Informationen zu Tagungen, Konferenzen und Weiterbildungen, welche einen internationalen Fokus haben; das heißt, sie finden in mehreren Sprachen statt und richten sich an eine Teilnehmerschaft aus verschiedenen Ländern. Informationen zu nationalen Konferenzen und Veranstaltungen finden Sie auf den Internetseiten der jeweiligen Ländervereinigungen.

Die Initiatoren aus der Internationalen Konferenz der waldorfpädagogischen Bewegung hoffen, dass die Angebote dieser neuen Homepage den Bedürfnissen der weltweit tätigen Lehrkräfte, den ErzieherInnen und weiteren Fachpersonen entgegenkommen. Die Redaktion, die in der Pädagogischen Sektion am Goetheanum angesiedelt ist, nimmt gerne Wünsche, Fragen, Anregungen oder Kritik entgegen.

NS-Zeit im Unterricht behandeln – aber wie?

Stolperstein Berlin Budapester Straße (Copyright: Axel Manruszat)

(CU) Der 27. Januar als Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 ist der internationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Viele Schulen nehmen ihn zum Anlass, die NS-Zeit im Unterricht aufzugreifen. Wie wird dieses Thema an den Waldorfschulen behandelt? Die Newsletter-Redaktion hat dazu Dr. Albrecht Hüttig befragt. Er ist BdFWS-Vorstandsmitglied, hat 33 Jahre lang Geschichte in der Oberstufe an Waldorfschulen unterrichtet und ist jetzt Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart. 

Wie ist das Thema Holocaust an den Waldorfschulen in den Unterricht eingebettet, wann und wie wird es mit den Schülern besprochen?

Hüttig: Das Thema Holocaust ist für die Klassenlehrerzeit vorgesehen in der 8. Klasse und wird in der 9. Klasse fortgesetzt. Entsprechend dem Alter der Schüler wird der Zugang dazu über Biographien gewählt, die das Thema aus dem Erleben heraus beschreiben, so dass es für die Schüler nachvollziehbar wird. Da gibt es beeindruckende Beispiele z.B. das Leben von Korczak oder Schindler, die man heranziehen kann.

Das Thema Holocaust mit seinen Grenzerlebnissen ist gewaltig, auch für die Lehrenden. Da kommt es darauf an, dass das erlebt ist, was man den Schülern an die Hand gibt. Sonst kann man bei ihnen schnell Aversionen verursachen, z.B. wenn man an das Thema rein intellektuell herangeht oder mit Modellen kommt, wie z.B. der Faschismus sei aus dem kapitalistischen System heraus entstanden etc...

Und wie können die Schüler in diesem Alter – da sind sie ja ungefähr 15 Jahr alt – das bewältigen? Biographien gehen einem ja besonders nahe...

Hüttig: Das Thema wird im Kontext der Neuzeit behandelt, bei der die Menschenrechte einen Schwerpunkt im Geschichtsunterricht bilden. Das ist dann der Maßstab, mit dem Schüler an das Thema herangehen können. Es wurde z.B. anhand der Entstehung der USA oder der französischen Revolution angeschaut und dabei ergibt sich schon, dass es immer ein Spannungsverhältnis gibt zwischen der Formulierung der Menschenrechte und ihrer Umsetzung. Und man kann zeigen, wie sich das Verständnis der Menschenrechte im Lauf der Zeit verändert. Wenn man erfährt, wie z.B. Olympe de Gouges – das war eine der ersten Frauenrechtlerinnen - sich in der französischen Revolution nur dafür eingesetzt hat, dass die Menschenrechte auch für Frauen gelten und dafür damals auf das Schafott kam.

Die Menschenrechte sind eine Hilfe für die Schüler, um sich in dem NS-Thema zu orientieren. Wenn man dann fragt: Was hat den Menschen gefehlt, warum wurden sie zu Tätern? Da kommen die Schüler schnell drauf: Es gab keine Menschlichkeit, keine Menschenrechte.

Ist das ein spezielles Herangehen der Waldorfpädagogik?

Hüttig: Das ist einfach pädagogisch notwendig. Es bringt ja nichts, sich in so ein gewichtiges Thema einfach hineinzustürzen mit den Schülern, es soll sie ja in ihrer Entwicklung und ihrer Existenzsicherheit fördern. Was aus der Waldorfpädagogik kommt, ist der Gesichtspunkt, dass der Umgang mit dem Thema eine gewisse Stärke der Persönlichkeit fördert und erfordert. Deswegen würde ich auch nie mit  Achtklässlern eine Exkursion nach Auschwitz machen, das würde sie völlig überwältigen... Da kann man mit einer 12. Klasse hinfahren. Aber auch da muss man behutsam vorgehen, sich gemeinsam immer wieder stützen und abends Gespräche zur Aufarbeitung des Gesehenen anbieten.

Das heißt, das Thema kommt dann in der 12. Klasse noch einmal vor. Wie wird es dort angegangen?

Hüttig: Was erreicht werden soll in der 12. Klasse ist die Solidität des Wahrnehmens und die eigene Urteilsbildung, das ist in der Waldorfpädagogik ja das Ziel des Unterrichts in der Oberstufe.

Dabei gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Da haben die Lehrer einen großen Spielraum, den sie auch nutzen. Es kann eine Kooperation mit der Stolperstein-Aktion des Künstlers Gunter Demnig sein oder man kann bei der Region ansetzen.

Ein gutes Beispiel für eine solche Form der regionalen Aufarbeitung stammt dieses Jahr von Oldenburger Waldorfschülern, die die sog. Blankenburger Krankenmorde untersucht haben.

Hüttig: Ich habe z.B. öfter die Zentralstelle zur Erfassung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg besucht mit den Schülern und sie so an die Arbeit mit dem Quellenmaterial herangeführt. Wichtig ist, dass die Schüler sich selbst etwas erarbeiten und nicht der Lehrer sagt: „So ist es gewesen“. Dabei sind auch Jahresarbeiten zum NS-Thema entstanden.

Oder man schaut sich Fotos von Aufmärschen an mit den ganzen Fahnen, diese Riesenkulisse, die so etwas wie eine kultische Inszenierung ist. Da gibt es nur Gefühl, keine Informationen, und das schlägt dann um in Aggression. Da muss der Lehrer gar nicht viel erklären, die Schüler merken es selbst, wie das Dumpfe, Irrationale von den Menschen Besitz ergriffen hat. Und nicht zuletzt kann man an der Behandlung einer Rede von Adolf Hitler zeigen, dass es im Faschismus immer um die Unterordnung des Individuums unter ein größeres Ganzes geht. Das heißt, dass das Individuum nicht zählt und eben auch keine individuellen Rechte – also Menschenrechte – gegenüber der Aggression von Seiten des Staats geltend gemacht werden können.

Werden dann im Unterricht auch Bezüge zur Gegenwart hergestellt?

Hüttig: Das kommt meistens von den Schüler selbst, dass sie Parallelen zur heutigen Zeit ziehen. Im Grunde geht es doch um die Erkenntnis, dass sich Menschen an etwas klammern, weil sie mit der Gegenwart nicht zurecht kommen. Die Furcht vor der Freiheit, um mit Erich Fromm zu sprechen. Das ganze 20. Jahrhundert zeigt, wie gefährdet die Menschheit in dieser Hinsicht ist. Wenn die NS-Zeit ein historisch einmaliges Phänomen gewesen wäre, gäbe es nicht diese ganzen neofaschistischen, rechtspopulistischen Tendenzen fast überall auf der Welt. Das wird den Schülern klar bei der Behandlung des NS-Themas, dass jeder in seiner eigenen Biographie gefährdet ist, diese Entwicklung zu wiederholen.

Heißt das auch, dass die Pädagogik hier heute verstärkt gefordert ist?

Hüttig: Auf jeden Fall heißt es das. Es sollte bei der Behandlung des Themas ganz deutlich werden, dass Gefahr droht, wenn wir als Menschen uns die Verantwortung für unser Tun von außen abnehmen lassen, von „der Vorsehung“ oder einer anderen Instanz. Hier sieht man ganz deutlich die Berechtigung des Ziels in der Waldorfoberstufe, die eigene Urteilskraft der Jugendlichen auszubilden.

Herr Hüttig, vielen Dank für das Gespräch!

Spenden für Kinder und deren Bildung in Sekem

(CMS) Unzählige Familien in Ägypten leiden anhaltend unter der schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes. Durch die andauernde Inflation steigen die Preise für Grundnahrungsmittel – die gesamten Lebenshaltungskosten sind für viele Ägypter kaum noch tragbar. Dies stellt auch in den SEKEM Schulen ein immer größer werdendes Problem dar: Etliche Eltern sind nicht mehr in der Lage das Schulgeld zu bezahlen.

Die Bildungseinrichtungen in SEKEM haben es in den vergangenen Jahren geschafft, auch in den ländlichen Regionen, in denen nach wie vor starker Analphabetismus herrscht, Aufmerksamkeit und Interesse zu erlangen. Das Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung ist mittlerweile vorhanden und ausgeprägt. Viele Familien versuchen ihr Bestes, das Schulgeld aufzubringen und damit einhergehende Kosten zu stemmen. Vor allem für Eltern, die nicht in einem SEKEM Unternehmen tätig sind, stellen die Ausgaben jedoch ein kaum zu überwindendes Hindernis dar. SEKEM möchte soziale Gerechtigkeit fördern und jungen Menschen aus der Umgebung weiterhin eine fundierte und ganzheitliche Bildung zukommen lassen. So lernen in SEKEMs Schulen unzählige Schüler, deren Eltern eigentlich nicht die finanziellen Mittel haben, um ihren Kindern den Besuch einer Privatschule zu ermöglichen. Deshalb sind die SEKEM Bildungsstätten auf Unterstützung angewiesen.

Die finanzielle Hilfe jedes Einzelnen trägt dazu bei, dass auch Kinder ärmerer Familien weiterhin die Möglichkeit haben, die SEKEM Schule zu besuchen. So so können mündige und ganzheitlich orientierte Menschen erzogen werde, was für die Zukunft Ägyptens von fundamentaler Bedeutung ist.

Bund der Freien Waldorfschulen e.V. | Wagenburgstraße 6 | D-70184 Stuttgart | Telefon: +49 (0)711 21042-0 | Telefax: +49 (0)711 21042-19 | E-Mail: bund@waldorfschule.de |