Suche
Waldorfschule Online-Shop

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

als die Newsletterredaktion das Editorial für diese Novemberausgabe in der vergangenen Woche formuliert hat, dachte sie darüber nach, wie die Hinwendung nach innen, welche die dunkle und stille Jahreszeit ja immer mit sich bringt, in diesem Jahr gelingen könne angesichts der turbulenten Entwicklung rings um uns her.

Diese Fragestellung hat jetzt durch die Ereignisse in Paris einen noch viel dramatischeren Hintergrund bekommen. Nach den Anschlägen dort sind viele Menschen tief beunruhigt und fragen sich, was nun folgen wird und ob die europäischen Gesellschaften den neu entstandenen Herausforderungen gewachsen sind.

Ein menschliches Antlitz bewahren auch angesichts des höchsten Ausmaßes an Menschenverachtung und Unmenschlichkeit – wie kann dies möglich werden?

In Deutschland ist es der Zivilgesellschaft gelungen, an vielen Orten im Zusammenhang mit der großen Zahl an Flüchtlingen, die in Europa Schutz und Sicherheit suchen, eine Willkommenskultur zu entwickeln. Sie ruft die Erinnerung wach an die "Kulturinseln" des niederländischen Anthroposophen Bernard Lievegoed. Er sah in einer solchen "Subkultur des Herzens" einen wirksamen Gegenentwurf zu Barbarei und Gewalt. Die dämonischen Marskräfte seien mit Waffengewalt nicht zu besiegen, schrieb Lievegoed vor rund drei Jahrzehnten – eine Formulierung, die aktueller denn je erscheint.

Aber wie sieht sie genau aus, seine „Subkultur des Herzens“? Kulturinseln entstehen dort, betont Lievegoed, "wo Menschen leben, denen es wirklich ernst ist mit dem, was sie tun; die mit dem Herzen bei der Sache sind...", es handelt sich um "Stätten, wo Menschlichkeit herrscht, wo Gegensätze nicht verwischt werden, sondern wo Menschen wirklich aufeinander zu gehen“. Das ist kein großes politisches Programm, jede und jeder kann heute genau an dem Ort damit anfangen, an dem er oder sie tätig ist und benötigt weder neue Organisationsformen noch großartige Budgets – Lievegoeds Kultur des Herzens.

Erinnern wollen wir an dieser Stelle auch noch einmal an unseren Thementag zur Gewaltprävention im Januar 2016, zu dem Sie sich bequem online anmelden können.

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Newsletter-Redaktion gute Lektüre und eine produktive dunkle Jahreszeit!

Waldorf inside: Zwölftklässler Veit Götz im Porträt

Veit Götz an seinem Schreibtisch mit dem Modell des Druckers auf dem Bildschirm
Veit Götz beim Programmieren seines 3D-Druckers
Der fertige 3D-Drucker als Ergebnis der Zwölfklassjahresarbeit
Der 3D-Drucker in Aktion (alle Fotos Copyright: Veit Götz)

(ABa/CMS) Dieses Mal haben wir für „Waldorf inside“ einen jungen Mann von der Freien Waldorfschule Erlangen interviewt, der als Zwölftklassjahresarbeit einen 3D-Drucker gebaut und die Software dazu programmiert hat (die Erlanger Nachrichten berichteten). Die Newsletter-Redaktion sprach mit Veit Götz darüber, über Jahresarbeiten im Allgemeinen und über die Zukunft des 3D-Druckes.

Veit, Sie haben als Jahresarbeit einen 3D-Drucker gebaut – was genau ist das?

Veit:
Es handelt sich dabei um eine Technik zur maschinellen, computergesteuerten, additiven Fertigung anhand eines 3D-Modells, d.h. ein Objekt wird am PC modelliert und der Drucker baut das dann dreidimensional auf. Im Grunde funktioniert das wie bei einer Heißklebepistole: Erst wird das gewünschte Material eingeschmolzen und dann durch den Druckkopf Schicht für Schicht übereinander gelegt.

Stichwort Jahresarbeiten an der Waldorfschule: Worum handelt es sich dabei?

Veit:
Es geht darum, sich ein Jahr lang mit einem selbst gewählten Thema zu beschäftigen, das einen interessiert, aber nicht unbedingt schon das eigene Hobby ist. Schließlich geht es darum, Neues zu entdecken, zu lernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Insgesamt besteht die Jahresarbeit an der Waldorfschule aus drei Teilen: einem schriftlichen Teil, in dem man das Thema theoretisch erarbeitet, einem praktischen Teil, wie bei mir der Bau des Druckers und am Ende einer Präsentation in Form eines Vortrages vor der ganzen Schulgemeinschaft.

Das ganze ist neben Eurythmieabschluss, Zwölftklassspiel und Kunstreise ein wichtiger Teil des Waldorfabschlusses.  

Was für Themen haben Ihre KlassenkameradInnen gewählt?

Veit:
Das waren sehr unterschiedliche Dinge! Zum Beispiel gab es noch weitere wissenschaftliche Themen wie „Supraleiter“ (eine Technik, mit der man ohne Widerstand Strom leiten kann), oder „Viren“ und „Krebs“, außerdem eine Arbeit über die Auswirkungen klimatischer Veränderungen auf Korallenriffe, dann Ballett, Musical und eine Auseinandersetzung mit dem religiösen und politischen Islam.

Warum wollten Sie ausgerechnet einen 3D-Drucker bauen?

Veit:
Ich wusste bis vor eineinhalb Jahren selbst nicht, was das ist. Ich bin dann zufällig im Internet auf das Thema gestoßen. Mich hat das dann sehr fasziniert, dass eine Maschine etwas dreidimensional aus dem Nichts aufbauen kann. Also habe ich von einem meiner selbstgebauten Roboter Teile der Software übernommen (die war 80 Seiten lang) und Stück für Stück weiter daran geschrieben. Insgesamt habe ich schon immer gerne gebastelt und programmiere auch seit einigen Jahren. Inzwischen habe ich drei Roboter zuhause, einer davon kann den Boden wischen, die anderen können eine von mir vorgegebene Linie nachfahren und teilweise miteinander kommunizieren.

Was haben Sie selbst mit Ihrem 3D-Drucker schon gedruckt?

Veit:
Bisher konnte ich kleine geometrische Formen, kleine Platten und Stiftehalter aus Plastik drucken. Außerdem ist mein Schlüssel abgebrochen und ich habe mir dann einen neuen Griff dafür ausgedruckt.

Was planen Sie für die Zukunft noch zu drucken?

Veit:
Oh, ich habe viele Ideen, was ich noch machen könnte. Meine Eltern brauchen für einen Notenständer ein Verbindungsstück, das wollte ich ihnen drucken, und eine Handyhülle will ich auch herstellen. Ansonsten gibt es viele Alltagsgegenstände, die ich dann alle durch Selbstgedrucktes ersetzen oder reparieren kann.

Wollen Sie noch weiter an den Funktionen des Gerätes tüfteln?

Veit:
Ja, auf jeden Fall. Mein Drucker läuft schon ziemlich ordentlich, aber er soll noch genauer werden. Am liebsten wäre mir, dass meiner in Zukunft mal mit Schokolade drucken kann.

Mh, Schokolade, das klingt ja lecker ;-)! Gibt es denn auch noch andere Materialien, mit denen gedruckt werden kann?

Veit:
Es gibt neben Plastik und Schokolade noch viele andere Materialien, ja! Gipspulver zum Beispiel, oder  Kunstharz, und seit zwei Jahren auch verschiedene Metalle wie Edelstahl.

Sogar menschliche Organe und Essen sind im Gespräch, aber so leicht geht es dann doch nicht mit den Organen. Es gab allerdings schon ein Projekt, bei dem lebendiges Gewebe im Labor gezüchtet wurde, das ein Drucker dann in Form gebracht hat. Daraus sind künstliche Mäusenieren entstanden, die sogar implantiert wurden. Für Menschen lassen sich Knochenteile drucken, die dann „eingebaut“ werden und mit dem echten Knochen verwachsen.

Wie sieht die Zukunft des 3D-Druckes Ihrer Meinung nach aus?

Veit:
Die Technik ist eigentlich schon in den 1980-er Jahren entwickelt worden, aber erst in den letzten Jahren wurden die Drucker deutlich günstiger. Heute kosten sie nur noch ein paar hundert Euro – und die Preise werden noch weiter runter gehen. Außerdem wird die Genauigkeit noch zunehmen und manche Drucker können schon mehrere Farben verarbeiten. Dabei ist es aber nach wie vor wichtig, dass es das gleiche Material ist – Plastik und Metall zusammen zu drucken ist schwierig, denn da würde das Plastik schmelzen, wenn das Metall gedruckt wird.

Ein weiterer Einsatzbereich der Zukunft ist die Raumfahrt: Astronauten könnten dann im All selbst Ersatzteile herstellen und bräuchten keinen riesen Transfer dafür. Ein weiterer Vorteil ist auch, dass für spezielle Teile nicht mehr extra Gussformen angefertigt werden müssten, sondern nur noch ein veränderbares Druckmodell am Computer. Dadurch werden die Entwicklung neuer Produkte und die Herstellung von Einzelteilen schneller und kostengünstiger und außerdem kann man, anders als beim Gießen, auch Hohlkörper drucken.

Laut einer Studie* wollen ca. 69 Prozent der Deutschen sich einen 3D-Drucker kaufen. Sie könnten dann viele Ersatzteile selbst drucken. Auch kleine Start-Up-Unternehmen würden davon profitieren, denn sie könnten Prototypen dann schneller selbst herstellen anstatt sie teuer in Produktion zu geben. 

Und was für Gefahren birgt diese neue Technik in sich?

Veit:
Natürlich können Urheberrechtsprobleme auftreten, aber meiner Meinung nach besteht die größte Gefahr in möglichen Qualitätsproblemen der selbst gedruckten Gegenstände. Wenn man etwas zuhause fertigt, kann es sein, dass die Statik nicht stimmt und das Produkt dann nicht stabil genug ist; da fehlt dann einfach die Qualitätskontrolle.

Schockierend ist für mich, dass auch schon Waffen gedruckt wurden, die tödliche Schüsse abgeben können. Und wenn sie aus Plastik sind, dann lassen sie sich auch nicht mehr mit Metalldetektoren finden...

An der Technik an sich kritisiere ich außerdem, dass sie viel mehr Energie braucht, als bei industrieller Produktion benötigt wird. Deshalb glaube ich, dass andere Maschinen nicht durch die neue Technik ersetzt, sondern eher ergänzt werden.

Wie sieht Ihr Fazit der Jahresarbeit aus?

Veit:
Also, es war zwar viel Arbeit, aber ich würde es wieder machen! Ich habe so viel Neues gelernt, in einem Bereich, den ich sonst in der Schule nie kennengelernt hätte. Außerdem hat es mir viel Spaß gemacht, mich so intensiv nur mit einer einzigen Sache auseinander zu setzen. Nach der großen Anstrengung und dem Zeitmangel für Anderes, ist der 3D-Druck aber nun zu meinem Hobby geworden. Und am meisten habe ich wohl davon profitiert, dass ich mich jetzt vor meine Klasse stellen und ganz entspannt einen längeren Vortrag halten kann.

*tns emnid-Befragung im Auftrag von Reichelt Elektronik, Mai 2015

Anruf in: Lörrach – Die südlichste Waldorfschule

Die Schule aus der Vogelperspektive
Ein normaler Schultag an der südlichsten Waldorfschule
Eine Aufführung der Zauberflöte mit Chor aus der 4. bis 12. Klasse (alle Bilder Copyright: Freie Waldorfschule Lörrach)

(CU) Der „Anruf in“ gilt heute der südlichsten Waldorfschule in Deutschland, der Freien Waldorfschule Lörrach. Sie liegt im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz. Gesprächspartner ist Jürgen Jaks, Klassenlehrer und Lehrer für Englisch, er hat die einzügige Schule vor 25 Jahren mit gegründet.

Herr Jaks, das ist ja gar keine so alte Schule in Lörrach mit 25 Jahren...

Jaks: Stimmt, so alt sind wir noch nicht. Wir haben 1990 begonnen, zuerst waren wir in einer öffentlichen Grundschule untergeschlüpft, zwei Jahre später brauchten wir schon zusätzliche Räume und 1995 wurde dann mit dem Neubau begonnen. Das Gelände kannten wir schon, wir sind dort immer mit unseren Klassen vorbeispaziert, als es noch eine Gießerei war. Die wurde dann abgerissen und so stand das Grundstück zur Verfügung. Allerdings war dort einiges zu reinigen, es war schon im 2. Weltkrieg eine Art Schrottplatz des Militärs gewesen, sie hatten dort einfach Öl abgelassen. Deswegen wurde dann der Erdboden bis in 9 Meter Tiefe ausgetauscht mit sog. Spielplatzerde – d.h. zum Schluss hatten wir das sauberste Grundstück der Gegend...

War es einfach, an das Gelände zu kommen?

Jaks: Die Stadt hat es uns angeboten, sie hatte Interesse an einer Schule dort, weil sie für ein Neubaugebiet ein Wärmekraftwerk bauen wollte und wir ein potenzieller großer Energieabnehmer waren. Das war ein Planungsgriff für die Stadt in Stetten-Süd, das ist direkt an der Grenze, wo sich vorher nur Äcker und Wiesen befanden.

Da hätten wir auch ein anderes Merkmal für unseren "Anruf in" nehmen können, diejenige Waldorfschule, die am nächsten an einer Grenze liegt...

Jaks: Ja stimmt, das sind hier nur 500 bis 600 Meter und es ist ja nicht nur die Schweizer Grenze, wir sind ja hier im Dreiländereck, die französische Grenze ist auch nur ca. fünf Kilometer entfernt. Insofern haben wir immer zwei Grenzen zur Auswahl – daraus ergibt sich auch ein reger Grenzverkehr z.B. zur Turnhalle in der Schweiz, wohin die Kinder immer laufen, weil wir keine eigene haben. Auch ein Spielplatz und eine Rodelbahn sind auf der Schweizer Seite.

Tauschen Sie sich denn mit den Waldorfschulen in den anderen Ländern jenseits der Grenzen aus?

Jaks: Das gab es, als wir anfingen und wir haben es auch acht Jahre lang geschafft, uns regelmäßig zu treffen als Lehrer der ersten Klassen. Wir haben ja hier auf deutscher Seite acht Waldorfschulen in 30 Kilometer Entfernung – das war ein reger Austausch. Man hat sich auch Tipps gegeben, z.B. wohin man im Schwarzwald eine Klassenfahrt machen kann, die nicht so teuer ist, das wollten die Schweizer Kollegen oft wissen. In der nächsten Lehrergeneration wurde das schon seltener und dann schliefen die Treffen ganz ein. Bei uns war eben noch so eine Aufbruchstimmung gewesen...

Gibt es denn außer der Lage noch weitere Besonderheiten Ihrer Schule?

Jaks: Etwas Besonderes ist bei uns die regionale Olympiade in der 5. Klasse, da machen alle mit, offiziell nennen wir es Hermes Spiele. Zwei Kollegen von der Waldorfschule in Aesch organisieren das seit 15 Jahren, Aesch ist gleich neben Dornach. Auch die Internationale Schule Basel macht mit und die Ècole Grünewald aus dem Elsass, die Schüler aus den drei Ländern werden dann immer gemischt, da geht es dann in Englisch, Deutsch und Französisch hin und her. Das gibt es sicher so an anderen Schulen nicht. Es wurden auch schon Filme darüber gedreht.

Ist es für Ihre Schule denn durch diese außergewöhnliche Lage leichter, Lehrer zu finden? 

Jaks: Einerseits ja, weil es das Dreiländereck ist und auch die Nähe zu Dornach zieht Lehrer an, andererseits müssen wir uns trotzdem anstrengen, weil so viele Schulen in der Nähe sind. Wir müssen auch immer schauen, dass wir genug Schüler haben, in meiner zweiten Klasse sind z.B. nur 23 Schüler, weniger dürfen das nicht werden. Das heißt, wir müssen immer auch aufzeigen, was uns von anderen Schulen unterscheidet. Daraufhin schauen wir uns gerade den Lehrplan an, um das noch besser herauszuarbeiten.

Wenn Sie jetzt mal zurückschauen auf die 25 Jahre, die Sie Klassenlehrer sind – was hat sich verändert?

Jaks: Die Gesellschaft hat sich sehr stark verändert und die Kinder und die Eltern auch. Da darf man nicht den Anschluss verlieren, man muss immer am Puls der Zeit sein als Schule. Wir haben z.B. das Bewegte Klassenzimmer eingeführt, das war zuerst nur ein Versuch, es ist immer noch spannend, wir haben es von der ersten bis zur vierten Klasse.

Wie würden Sie die Veränderungen genau beschreiben?

Jaks: Früher hatten wir von den Fähigkeiten der Schüler her eine breite Mittelschicht, es gab dann einzelne, die waren schwächer. Damit meine ich auch die sozialen Fähigkeiten, die sog. social skills. Heute ist jede Klasse viel differenzierter, man muss sich als Lehrer viel mehr überlegen, wie man die Kinder anspricht. Sie brauchen eine Schutzhülle, ein Nest, aber es kommt viel mehr auf die Gemeinschaft an als auf die Autorität des Lehrers, wie man sie früher verstanden hat. Dieses alte Autoritätssystem würde heute nicht mehr funktionieren. Die Eltern sind ja auch ganz anders sozialisiert. Das ist der Wandel, den wir beobachten.

Dann haben Sie ja also auch eher Eltern wie in den Großstädten z.B. Berlin?

Jaks: Das kann schon sein, ländlich ist es hier nicht. Wir haben ganz viele Grenzgänger, das sind hochqualifizierte Menschen, die z.B. in der Pharmaindustrie in Basel arbeiten oder als Mediziner. Hier ist ja auch der Flughafen Basel-Mulhouse – der übrigens auch einen schweizerischen und einen französischen Teil  hat – da kommen und gehen täglich zwei Millionen Menschen, Tausende arbeiten dort.

Das macht man sich nicht unbedingt klar, was das für ein Ballungsraum ist. Man denkt bei Lörrach an Bodensee, Apfelbäume und Bauernhäuser...

Jaks: Bauern haben wir hier eher nicht, dafür Ingenieure, Fachleute, Manager oder auch Banker, der Raum hier hat eine ganz große Wirtschaftskraft.

Dann müssen Sie sich um die weitere Entwicklung ihrer Schule sicher keine Sorgen machen...

Jaks: Sorgen machen wir uns nicht, aber wir müssen angesichts der Konkurrenz der anderen Schulen schon um unsere Schülerzahlen kämpfen. Deswegen sind bei uns auch Veranstaltungen wichtig wie Tage der Offenen Tür und wir müssen immer wieder offensiv an die Öffentlichkeit gehen!

Dann wünsche ich Ihnen und der Schule dabei gutes Gelingen und auch weiterhin viel Erfolg!

Erste Promotionsstipendien zur Waldorfpädagogik ausgeschrieben

Im Seminar an der Alanus Hochschule (Copyright: Nola Bunke)

(CU) Waldorflehrer und andere Interessierte, die sich mit einer Forschungsarbeit weiterqualifizieren wollen, können dies jetzt im Rahmen des neu eingerichteten Graduiertenkollegs an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft tun. Das Kolleg unterstützt Forschungsvorhaben, die „Entwicklungsimpulse für die Pädagogik allgemein und im Besonderen für die Waldorfpädagogik erwarten lassen“, schreibt die Alanus Hochschule dazu. Die ersten Promotions-Stipendien sind jetzt ausgeschrieben worden. Die genauen Bedingungen finden sich auf der Homepage der Hochschule.

Das Graduiertenkolleg vergibt die Stipendien nebst Sachmitteln für einen Zeitraum von drei Jahren. Neben dem Standort der Alanus Hochschule besteht ein Netzwerk an Universitäten, an denen Stipendiaten des Kollegs ihre Promotionen durchführen können.

Nachwuchswissenschaftler, die für ein Promotionsstipendium ausgewählt werden, erwartet ein umfassendes Programm aus Seminaren, Kolloquien, Fachtagungen und intensiver Betreuung sowie eine eigens für das Kolleg eingerichtete Bibliothek. Prof. Jost Schieren, Hochschullehrer für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik an der Alanus Hochschule, leitet das Graduiertenkolleg. Er wertet seine Einrichtung als „Meilenstein auf dem Weg der wissenschaftlichen Etablierung der Waldorfpädagogik“. National wie international stehe die systematische Erforschung und innovative Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik noch aus, hierzu soll das Graduiertenkolleg einen wichtigen Beitrag leisten.

Besonderes Augenmerk soll darauf gelegt werden, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Pädagogik Rudolf Steiners in einem kritischen Diskurs in der Erziehungswissenschaft und angrenzenden wissenschaftlichen Gebieten stattfindet, fügt Schieren hinzu. Ein Akzent des Programms liegt in der engen Anbindung an die Anforderungen der waldorfpädagogischen Praxis. Ergänzend dazu sollen Forschungsergebnisse unmittelbar in die Hochschullehre sowie in die Praxis an waldorfpädagogischen Institutionen einfließen.

Das umfassende Forschungs- und Qualifizierungsprogramm ermöglicht bis zu zehn Promotionsstipendien für einen Zeitraum von drei Jahren. Es wird von der Software AG-Stiftung, der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen und der Hans Stockmar GmbH & Co. KG mit einer Fördersumme von zwei Millionen Euro unterstützt.

Oberstufen-Klasse gewinnt beim Wettbewerb „Demokratisch Handeln“

Frankfurt als "heimliche Hauptstadt" beim Bürgerfest
1,4 Mio. Besucher kamen zum Tag der Deutschen Einheit (beide Fotos Copyright: Pressestelle Bundesrat)
Waldorfschüler Daniel Frevel in der Diskussion mit dem ARD-Vorsitzenden

(CU) Zu den Preisträgern des bundesweiten Wettbewerbs „Demokratisch handeln“ gehört in diesem Jahr auch die derzeitige 13. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Loheland in Fulda. Sie erhielt einen Sonderpreis für ihr Projekt „Armut – Exklusion aus der Gesellschaft und demokratische Partizipation.“

Der Wettbewerb „Demokratisch handeln“, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, besteht seit 15 Jahren. Er zeichnet Projekte, Initiativen und Ideen aus, die neue Lernmöglichkeiten im Zusammenhang mit den  Themen Demokratie und Politik eröffnen.

Im Fall der Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Loheland bestand der Preis darin, dass ein Vertreter der Klasse zu den Feierlichkeiten anlässlich des Tags der Deutschen Einheit am 3. Oktober nach Frankfurt eingeladen wurde und sein Bundesland in verschiedenen Diskussionen mit Politikern und Prominenten dort vertreten sollte. Bei der Rudolf-Steiner-Schule Loheland war es Daniel Frevel, auf dessen Idee das Klassenprojekt zurückging. Er hatte bereits seine Jahresarbeit – einen Film – dem Thema Armut gewidmet, seine KlassenkameradInnen bearbeiteten dann Themen wie die gerechte Verteilung von Lebensmitteln, Armut in Schwellenländern Asiens und Afrikas oder auch Armut in Deutschland.

Dreieinhalb Tage hat Daniel als Vertreter der Klasse bei den Festlichkeiten in Frankfurt verbracht – eingeladen vom Bundesrat. Jugendliche Preisträger aus den 16 Bundesländern interviewten im Bundesratszelt jeweils zu dritt MinisterpräsidentInnen oder andere Prominente des öffentlichen Lebens. Themen waren u.a. die Flüchtlingspolitik, neue Medien oder auch das Motto der Veranstaltung „Grenzen überwinden“. Zuvor hatten sich die Jugendlichen auf der Festmeile in Frankfurt gründlich umgesehen. „Am Donnerstag und Freitag war es sehr schön, man konnte sich die interessanten Zelte der einzelnen Bundesländer in Ruhe anschauen. Am Samstag wurde es dann aber sehr voll,“ berichtet Daniel. 

Insgesamt besuchten 1,4 Mio. Menschen die Veranstaltung zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung, die Hessen ausgerichtet hatte als dasjenige Bundesland, das derzeit den Vorsitz des Bundesrats inne hat. Einen Höhepunkt bildete am Abend eine Licht- und Musikshow, bei der 25 Lichterbrücken über den Main erstrahlten. „Das war dann schon sehr beeindruckend“, meint Daniel, der auch den guten Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen aus den 16 Bundesländern hervorhebt. Sie waren in Mehrbettzimmern in einer Jugendherberge untergebracht, so dass sich viele Möglichkeiten des Kontakts ergaben. Als einziger Waldorfschüler aufgefallen war Daniel dabei nicht, wie er versichert: „Es hat mich keiner gefragt, ob ich meinen Namen tanzen kann."

Seine Auftritte bei den Diskussionsrunden im Bundesratszelt hatte Daniel dann mit dem Vorsitzenden der ARD, Lutz Marmor, sowie mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU). Das Gespräch mit dem ARD-Vorsitzenden erfreute Daniel, der Journalist werden möchte, besonders. Beim Talk mit dem hessischen Ministerpräsidenten kam es dann zu tumultartigen Szenen, als Demonstranten aus der linken Szene in Frankfurt mit Sprechchören und Transparenten in das Bundesratszelt eindrangen und eine andere Flüchtlingspolitik der Landesregierung forderten. „Das fand ich erstmal nicht schlimm, aber als die Demonstranten dann vom Moderator unserer Veranstaltung auf die Bühne gebeten wurden, damit sie dort ihr Anliegen einbringen konnten und sie trotzdem weiter schrien und das Angebot nicht annahmen, habe ich mich geärgert.“ Für diese Haltung der Demonstranten habe er kein Verständnis: „Man soll mit argumentieren, wenn man die Möglichkeit erhält“.

Auf sein Thema Armut war Daniel durch einen Aufenthalt in Nepal sowie durch sein Sozialpraktikum bei der „Tafel“ in Fulda gekommen. „Das waren zwei verschiedene Arten von Armut, die man erleben konnte, ganz krass in Nepal, wo es um das Dach über dem Kopf und das tägliche Essen ging und dann ganz anders hier bei uns. Ich habe mich gefragt, wie man das vergleichen kann und wie genau die Definitionen von Armut sind; so begann ich, mich dafür zu interessieren“.

Von den Tagen in Frankfurt nimmt Daniel nicht nur eine schöne Erinnerung mit zurück nach Fulda, sondern er wird sich jetzt vor allem auch eher mit dem Tag der Deutschen Einheit befassen: „So richtig bewusst hatte ich ihn eigentlich bisher nicht wahrgenommen, es war eben ein freier Tag. Das hat sich jetzt geändert.“

Tagung der WaldorfSV mit Vorstandswahl

(Copyright: WaldorfSV)

(RE) Unter dem Motto „Ich war. Ich bin! Wer werde ich sein?“ fand vom 25. bis 27. September 2015 an der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek die 23. Bundesschülerratstagung der Waldorfschulen statt. Veranstalter war die WaldorfSV (Bundesschülerrat der Freien Waldorfschulen), sie organisiert unter anderem zweimal jährlich diese Tagung für WaldorfschülerInnen aus ganz Deutschland.

Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, der Anmeldungsdesk war gerade aufgebaut und schon trudelten die ersten Schüler ein. Viele kannte man schon von den letzten Tagungen, doch dieses Mal waren erstaunlich viele unbekannte Gesichter darunter. Dieses Jahr wollten wir besonders Viele erreichen und rechneten mit ca. 150 TeilnehmerInnen. Unsere Hoffnung war es, dass die WaldorfSV durch die internationale Tagung in Dornach im Frühjahr dieses Jahres in den Schulen noch bekannter geworden ist und wir somit deutlich mehr SchülerInnen für unsere Tagung begeistern können. Tatsächlich hatten wir dann immerhin 140 Anmeldungen für unsere Tagung.

Das Tagungsprogramm war sehr reichhaltig. Die SchülerInnen wählten Arbeitsgruppen, in denen sie das Thema der Tagung von vielen Seiten beleuchteten. In manchen Gruppen betrachteten sie es eher politisch, in anderen sehr persönlich und in wieder anderen ging es zum Beispiel um den Bezug zur aktuellen Situation mit den Flüchtlingen. Zusätzlich zu den Arbeitsgruppen konnten noch Workshops gewählt werden, die unabhängig vom Tagungsthema waren.  

Mit unseren drei ReferentInnen waren wir sehr zufrieden. Anke und Daniel Domscheidt-Berg hielten einen sehr spannenden Vortrag zum Thema Medien und Zukunft. Es ist beeindruckend, wie die Entfernung zwischen uns Menschen jeden Tag schrumpft, denn digital gesehen sind wir uns alle unglaublich nah. Der Vortrag war sehr optimistisch und die Digitalisierung wurde als Chance gesehen, um große Probleme der Zukunft lösen zu können (zum Beispiel mithilfe von 3D-Druckern einmal Organe zu drucken).

Nach dem Vortrag war wohl jeder sehr „geflasht“ von den ganzen Informationen. Zum Ausklang gab es dann die Möglichkeit, sich im Nachtcafé zu unterhalten und mit den ReferentInnen ins Gespräch zu kommen. Die Stimmung im Nachtcafé ist immer wieder schön. Ein Klavier stand zur Verfügung und so hörten wir ständig jemanden spielen. Es kamen mehrstimmige Chöre zustande und wer sich ein bisschen bewegen wollte, konnte sich der Gruppe in der Turnhalle anschließen, die Musik aufgedreht hatte und tanzte.

Am Samstag ging es dann mit dem Tagungsprogramm weiter: Rainer Voss sprach über das Verhältnis von Wirtschaft und Markt und machte uns allen noch einmal bewusst, wie sehr beides uns beeinflusst. Valentin Hacken hielt einen Vortrag über die Herausforderungen für Waldorfschulen. Wir als junge WaldorfschülerInnen müssen Schule mitgestalten und die Herausforderung annehmen, uns mit den Themen der Anthroposophie zu beschäftigen, die vielleicht nicht immer ganz zeitgemäß wirken. Der Vortrag war kritisch und regte jeden zum Nachdenken an.

Ein Highlight des Samstags war sicherlich auch der bunte Abend. Parallel zum Nachtcafé konnte in der Aula jeder nach Belieben auf der Bühne etwas zeigen. Am Anfang war es kurz still, bis sich jemand als erstes traute, danach ging es aber immer weiter, von Poetryslams über Gesang und Musik bis hin zu einem witzigen Tanz.

Am Sonntag standen dann die Neuwahlen für den Vorstand der WaldorfSV an. Maxine Fowé (RSS Hamburg-Wandsbek), Paul Otto (FSW Freiburg-Wiehre), Lukas Eis (FWS Dinslaken), Sophie Teske (FWS Mülheim) und Raphael Werner (FWS Märkisches Viertel Berlin) schieden auf der Tagung aus ihren Vorstandsämtern aus. Der Abschied war für alle Beteiligten sehr schwer, denn abgesehen von der Arbeit, die allen im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen war, hat sich der Vorstand inzwischen für uns wie eine kleine Familie angefühlt.

Es war dann sehr schön und auch aufregend zu sehen, wie viele SchülerInnen sich zur Wahl aufstellen ließen und ich denke, dass es für jeden auf der Tagung schwer war, nach den guten Redebeiträgen der KandidatInnen zu entscheiden, wer neu in den Vorstand kommen sollte. Gewählt wurden zum Schluss Erik Milas aus der 12. Klasse der FWS Lippe-Detmold, Anna Ristow aus der 11. Klasse der RSS Hamburg-Wandsbek, Lion Talir von der FWS Märkisches Viertel Berlin, Jakob Zimmer von der FWS Mülheim und Isabel Antrobus Thorweihe von der FWS Heidelberg, jeweils aus den 11. Klassen. Eine neue, sehr sympathische und bunte Truppe ist so zusammengekommen und wir alle freuen uns auf unsere nächste gemeinsame  Bundeschülerrratstagung im Frühjahr 2016, auf Mitglieder- und Delegiertenversammlungen sowie auf Vorstandstreffen, an denen wir neue Projekte entwickeln können sowie auf weiterhin gute Zusammenarbeit mit der Jugendsektion.

Ronja Eis (RE), 12. Klasse der FWS Dinslaken, seit Frühjahr 2014 im Vorstand der WaldorfSV.

Der Jahresbericht blickt in die Welt

(CU) Am Ende eines jeden Schuljahres entsteht in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des BdFWS der Jahresbericht Waldorf – er fasst zusammen, was in der Schulbewegung vor sich geht und welche Schwerpunkte jeweils diskutiert wurden. Stand er im Jahr 2014 vor allem unter dem Motto "Bewegung und Aufbruch", weil an vielen Orten neue Aufgaben in den Blick genommen worden sind, so zeigt sich in diesem Jahr, wie vieles auf verschiedenen Ebenen Umsetzung findet. Immer wichtiger wird dabei der internationale Aspekt: Das Thema Europa und die Globalisierung machen auch vor den Türen der Waldorfschulen nicht halt.

So werden dieses Mal neben den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der IAO, die für Osteuropa zuständig ist, auch die anderen internationalen Gremien vorgestellt, der European Council for Steiner Waldorf Education (ECSWE) mit Sitz in Brüssel und die Internationale Konferenz – besser bekannt als Haager Kreis –, die die Vertreter der Schulbewegung aus der ganzen Welt versammelt.

Ein gewichtiger Text befasst sich mit einem für die Waldorfschulen derzeit sehr zentralen Thema, der Finanzierung der Waldorflehrerbildung, zu dem eine intensive Willensbildung durch die Gremien angestoßen worden ist. Unter dem Stichwort "Innovation" finden sich in diesem Jahr die Medienpädagogik sowie das Fernstudium zum Waldorflehrer, das in Jena entwickelt worden ist. Berichte aus den verschiedenen Sparten der Vorstandsarbeit sowie aus den Regionen fehlen auch nicht, wobei die Waldorfschulen in den neuen Bundesländern dieses Mal stärker zu Wort kommen.

Aus der juristischen Abteilung wird über die Bedeutung des Urteils des Staatsgerichtshofs Baden-Württemberg vom Juil 2015 zu den Elternbeiträgen der freien Schulen berichtet und die Frage aufgeworfen, inwieweit dadurch Verbesserungen der Finanzlage zu erwarten sind. Unter Vorschau und Ausblick findet sich der Aufruf zum 100j-ährigen Jubiläum der Waldorfschulen im Jahr 2019, das – entsprechend der globalen Ausrichtung der Waldorfpädagogik – mit einem weltweiten Festival gefeiert werden soll. Die Redaktion des Jahresberichts – die übrigens auch immer wieder Beiträge zu diesem Newsletter liefert – freut sich über Feedback zum diesjährigen Heft, das auf unserer Internetseite als PDF zum Download bereit steht und in unserem Webshop erworben werden kann. 

Bund der Freien Waldorfschulen e.V. | Wagenburgstraße 6 | D-70184 Stuttgart | Telefon: +49 (0)711 21042-0 | Telefax: +49 (0)711 21042-19 | E-Mail: bund@waldorfschule.de |