Neuerscheinungen

Die Waldorfschulen aus der Sicht der Organisationstheorie

Die Studie „Zukunftsgestaltung Waldorfschule – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Kultur, Management und Entwicklung“ von Joseph E. Nörling und Steffen Koolmann, Professor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, stellt die Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten der Waldorfschule aus organisationstheoretischer Sicht. Während es zur Pädagogik schon eine Reihe von empirischen Studien gibt, ist dies die erste, in der die Organisationskultur der Waldorfschulen unter die Lupe genommen wird. Die Daten für die Untersuchung wurden von Prof. Dirk Randoll und seinem Team im Rahmen der 2013 publizierten Studie „Ich bin Waldorflehrer“ erhoben.

Untersucht werden die Bereiche „Organisationskultur und Werte“, „Führung und Management“ sowie „Lernen und Entwicklung“. Befragt wurden die Geschäftsführer von Waldorfschulen u.a. deswegen, weil sie als Verantwortungsträger der Schule einen breiten Überblick über das Schulgeschehen haben und vielfach berufliche Erfahrungen aus dem Wirtschaftsleben mitbringen, d.h. die Waldorfschule auch mit Gepflogenheiten andernorts vergleichen können. Die Befragung bezieht sich u.a. auf den Umgang mit Streitigkeiten und Konflikten, Lehrer- und Schülerfluktuation, Strukturen der Selbstverwaltung und Elternmitarbeit. Wie Koolmann im Fazit betont, versteht sich die Studie als „Anregung und Aufforderung zum Austausch zwischen den pädagogischen Idealen und ihren organisationsstrukturellen Gegebenheiten und Erfordernissen“. (S.250)

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass ein guter Umgang mit Konflikten einher geht mit einer funktionierenden Selbstverwaltung, einer guten Verteilung der Arbeitsbelastung in der Schulführung und mit einem Kollegium, das vornehmlich aus innerer Überzeugung heraus handelt. (S.99)

Zum Thema Führung und Selbstverwaltung enthält die Studie eine Fülle von Details z.B. zu verschiedenen Modellen der Schulführung. (S.165 ff) Zusammenfassend finden 65,28% der Geschäftsführer, dass die Aussage eher zutrifft, die Selbstverwaltung funktioniere gut. 27,7% finden, es trifft eher nicht zu. Über die zwei Drittel, die mit der Selbstverwaltung zufrieden sind, waren die Autoren überrascht, da über das Funktionieren der Selbstverwaltung in der Schulbewegung immer wieder diskutiert wird. (S.153)

Die Autoren ziehen das Fazit, dass die Selbstverwaltung ein „modernes und zukunftsweisendes Konzept der Schulführung“ ist. Bei der konkreten Umsetzung gebe es allerdings eine Reihe von Missverständnissen z.B. bei Delegationen und der Übernahme von Verantwortung. Sie empfehlen eine Weiterqualifikation der Akteure in dieser Frage sowie klar definierte Verantwortungsbereiche bei Delegationen. (S.153)

Bei der Frage der Elternmitarbeit kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Eltern vielfach in die Bewältigung der Aufgaben der Schulen eingebunden sind. Es gehe  – entgegen einem verbreiteten Vorurteil – bei der Elternmitarbeit an Waldorfschulen nicht allein um die vier B (backen, bauen, basteln, blechen). Die Elternmitarbeit zeichnet sich vielmehr zunehmend durch die Übernahme von „besonders verantwortungsvollen Aufgaben“ aus. (S.187)

Zur Lehrerfluktuation ergibt sich, dass sie umso geringer ausfällt, je mehr innerlich überzeugte Lehrer an der Schule tätig sind und je mehr innere Konflikte durch eine gute Streitkultur gelöst werden. (S.105)

Koolmann, S./Nörling, J.E.: Zukunftsgestaltung Waldorfschule – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Kultur, Management und Entwicklung. Springer Research, Wiesbaden 2015

Dokumentation will Methodenvielfalt im Unterricht fördern

Selbstverantwortliches Lernen an Waldorfschulen ist das Thema eines Bandes mit Praxisforschungsprojekten, den Michael Harslem und Prof. Dirk Randoll herausgegeben haben. Er fasst die Ergebnisse eines Symposions zusammen, das im April 2012 an der Alanus Hochschule stattgefunden hat. Drei Waldorfschulen sind derzeit an einem Modellversuch beteiligt, mit dem das selbstverantwortliche Lernen an Waldorfschulen gefördert werden soll: Hamburg-Bergstedt, Salzburg und Bochum-Wattenscheid. Sowohl die Software AG-Stiftung als auch das Bildungswerk Hamburg unterstützen diesen Modellversuch.

Die drei Schulen präsentierten beim Symposion 60 Projekte, in denen selbstverantwortliches Lernen erprobt und gleichzeitig durch Praxisforschung evaluiert wird. Die Dokumentation und Veröffentlichung dieser Projekte soll Lehrern Anregungen für den eigenen Unterricht geben. Den Schwerpunkt des Forschungsprojekts bildet die Frage nach den Methoden des selbstverantwortlichen Lernens und seinen Voraussetzungen. Auch die veränderte Rolle des Lehrers, der immer mehr zum Lernbegleiter wird, ist Untersuchungsgegenstand. Obwohl sich seine Funktion ändere, bleibe der Lehrer immer noch das „Tor zur Welt“, betonen die Herausgeber im Vorwort.

Neuere Forschungen belegen, dass ein schülerorientierter Unterricht, ein erkennbarer Lebensweltbezug der Inhalte sowie aktive, selbstgesteuerte Lernarrangements das Lernen optimieren können, schreibt Prof. Randoll in seiner Einleitung. In einer sich ständig verändernden Gesellschaft und Arbeitswelt sei es unumgänglich, zu lernen, wie man sich Wissen selbst aneignet. Durch empirische Untersuchungen wie die Studie von Barz, Liebenwein und Randoll (2012) zur Unterrichtsqualität sei dokumentiert worden, dass eine größere Methodenvielfalt im Unterricht auch in den Waldorfschulen erforderlich ist, wenn den Anforderungen der Gegenwart Rechnung getragen werden soll.

Harslem, Michael/Randoll, Dirk: Selbstverantwortliches Lernen an Waldorfschulen – Ergebnis eines Praxisforschungsprojekts. Kulturwissenschaftliche Beiträge der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft Bd. 10. Bern 2013.

Geschichtsunterricht an Waldorfschulen

Die Dissertation von Markus Michael Zech stellt das Unterrichtskonzept in den Kontext der aktuellen geschichtsdidaktischen Diskussion um Weltgeschichte, Geschichtsbewusstsein und historische Kompetenz. Erstmals liegt damit eine wissenschaftliche Einordnung des Geschichtsunterrichts an der Waldorfschule vor.

Von Anfang hatte der Geschichtsunterricht an der Waldorfschule eine weltgeschichtliche Dimension. Sie wurde damit begründet, dass sich die modernen Kulturen durch die Zivilisationsleistungen der Neuzeit spätestens ab dem 20. Jahrhundert nur noch in einer solchen menschheitlichen Dimension verstehen lassen. In den Blick genommen werden dabei sowohl der weltweite Austausch und die Vielartigkeit der Kulturen als auch die Würdigung des Individuums mit seinem Anspruch auf weltanschauliche und kulturelle Selbstdefinition.

In diesem Phänomenen komme ein historischer Wandel zum Ausdruck, so Zech, der als Prozess mit offenem Ausgang charakterisiert werden kann. Er reiche von der Vergangenheit bis in die Zukunft. (S.364)

Da der Geschichtsunterricht an der Waldorfschule nie nationalhistorisch ausgerichtet war, stellt sein Konzept eine Alternative zu den Ansätzen der Regelschule dar. Wie Zech belegt, entspricht dieses Konzept den aktuellen Überlegungen der Geschichtsdidaktik. Es geht exemplarisch in mehreren Durchgängen vor und bezieht – vor allem in die Reflexionsprozesse, die erst mit Jugendlichen in der Oberstufe möglich sind – ausführlich auch die ältere Geschichte bzw. Frühgeschichte mit ein. Dadurch soll die Fähigkeit zum Selbst- und Fremdverstehen gefördert werden, sowohl in individueller als auch in kultureller Hinsicht.

Im Zeitalter der Globalisierung leistet die Waldorfschule so einen aktuellen Beitrag zum geschichtsdidaktischen Diskurs. Zech sieht auch die Möglichkeit, dass der Ansatz der Waldorfschulen durch die Teilnahme an der Diskussion weiterentwickelt wird, was sich wiederum positiv auf seine Qualitätsentwicklung auswirke.

Zech, Markus Michael: Der Geschichtsunterricht an Waldorfschulen. Frankfurt am Main 2012.