Am 26. Juli 2026 ist auf dem YouTube-Kanal „2 Bored Guys“ ein 64-minütiger Beitrag über Waldorfschulen erschienen. Das Video hat nach vier Tagen bereits eine Million Viewer:innen erreicht. Der Beitrag erscheint abwechselnd unter zwei Titeln – „Die Zerstörung der Waldorfschulen“ und „Die dunkle Wahrheit über Waldorfschulen". Dabei handelt es sich um einen laufenden Titeltest, wie ihn YouTube seinen Creator als Standardfunktion anbietet.
Der Kanal wird von Jonas und David betrieben und war als Nebenprojekt von Simplicissimus gestartet, einem Format für aufwendig produzierte Videoessays, das von 2019 bis 2022 zum Content-Netzwerk funk von ARD und ZDF gehörte. Die Videos von „2 Bored Guys“ stehen nach eigenen Angaben für Meinung/Kritik und Unterhaltung.
Ein inhaltlicher Waldorfbezug der Macher ist nicht erkennbar. Ihr Kanal folgt der Logik der Meinungsmache: Gesucht werden massenwirksame, emotional und moralisch aufladbare sowie werbefähige Stoffe. Waldorfschulen bieten hier offensichtlich eine besondere Projektionsfläche.
[Korrektur vom 01.08.2026: In einer früheren Fassung hatten wir Angaben zu Trägerschaft und Teamgröße von Simplicissimus auf den Kanal „2 Bored Guys” bezogen. Die Angaben treffen jedoch hierauf nicht zu. Wir haben die Stelle korrigiert.]
Der Beitrag ist mit einer 64-minütigen Laufzeit als langformatiges Videoessay aufgebaut. Mit dichter Bebilderung im Social-Media- und Meme-Stil und durchgehender Vertonung spricht er mit großer Reichweite ein junges Publikum an, welches sich vorrangig zur Unterhaltung mit Waldorfpädagogik befasst.
Das Bewegtbildmaterial aus den Waldorfschulen stammt aus älteren Fernsehbeiträgen, teils aus den 1980-er Jahren. Die Redaktion hat uns im Vorfeld einen Fragenkatalog mit 21 Fragen zugesandt. Wir haben ihn vollständig schriftlich beantwortet; die Antworten sind im Beitrag wiedergegeben.
Hier finden Sie unsere Stellungnahme im Wortlaut.
→ Die relevanten FAQs zum Video: waldorfschule.de/service/presse/faq
Was wir aus den Reaktionen lesen
Unter dem Beitrag sind mehrere tausend Kommentare entstanden. Wir haben sie gelesen. Das Ergebnis nehmen wir sehr ernst. Denn die meisten der etwa 70 Prozent kritischen Stimmen (Stand 28.07.26) stammen nicht von Außenstehenden, sondern von Menschen, die unsere Schulen von innen kennen – ehemalige Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Mitarbeitende.
Und ein Muster wiederholt sich mit bemerkenswerter Gleichförmigkeit: Vorfälle waren bekannt, sie wurden gemeldet, und es folgte keine Konsequenz – und in einigen Fällen wechselte die betreffende Lehrkraft an eine andere Einrichtung. Die Schilderungen von damals lassen sich nur mit einer konsequenten Aufarbeitung, der Implementierung schutzgebender Strukturen und Organisationsreformen beantworten. Dass wir uns dieser Verantwortung bewusst sind, zeigt unsere Arbeit in den benannten Themenfeldern (siehe unten).
Die Themen des Beitrags – und wo wir stehen
Der Beitrag behandelt acht Themenfelder, zu denen wir im Folgenden ein kurzes Statement abgeben. Wir zeigen, wo wir selbst noch Handlungsbedarf sehen, was sich im Prozess befindet und was bereits umgesetzt wird.
1. Schulischer Alltag: Eurythmie, Morgenspruch, Zeugnisspruch, Formenzeichnen
Künstlerische, handwerkliche und rhythmische Fächer sind Teil unserer Pädagogik und werden mit anderen Fächern gleichwertig behandelt. Kritisch ist nicht ihre Existenz, sondern ihre therapeutische Aufladung: Wo Heileurythmie als alleinige Antwort auf Legasthenie, ADHS oder Asthma empfohlen wird, tritt sie an die Stelle einer fachlichen Diagnostik, die sie nicht ersetzen kann. Und wo ein Angebot formal freiwillig, praktisch aber verpflichtend ist, stimmt die Beschreibung nicht mehr. In unserer Beantwortung der vorab gestellten Fragen haben wir festgehalten: „Jahrsiebt-Lehre“ oder „Temperamentenlehre“ dienten als Orientierungsrahmen in der Waldorfpädagogik. Wir distanzieren uns vehement von der Festmachung von Charaktereigenschaften anhand äußerer Merkmale. Sehr wohl sehen wir aber eine Anschlussfähigkeit an moderne Modelle der Persönlichkeitsbeschreibung, die selbstverständlich heute zugrunde gelegt und in der Lehrkräfteausbildung thematisiert werden.
Dasselbe gilt für den Morgenspruch: Die Teilnahme kann abgelehnt werden und Schulen sollen dieses Recht aktiv mitteilen.
2. Steiner und Anthroposophie
Die Waldorfpädagogik gründet auf dem anthroposophischen Menschenbild – eingebettet in die heutige Zeit. Das ist kein Geheimnis, sondern der erklärte und umfassend in der Kommunikation dargestellte Ausgangspunkt. Erläuterungen und Einordnungen finden sich auf Websites, in Informationsmaterialien sowie in eigens für Eltern und Interessierte angebotenen Einführungen und Workshops.
3. Rassismus und Antisemitismus in Steiners Schriften
Rassistische und antisemitische Passagen im Werk Steiners existieren. Die Waldorfschulen haben sich von den aus heutiger Sicht diskriminierenden Formulierungen distanziert – erstmals verbindlich in der Stuttgarter Erklärung von 2007 und erneut im Jahr 2020. Ein Nicht-Akzeptieren der Stuttgarter Erklärung hat einen Ausschluss aus dem Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) zur Folge.
Entscheidend ist heute die bewusste Einordnung als historische Texte und die (wissenschaftliche) Aufarbeitung. Dies ist hier zusammengestellt:
→ anthroposophie-gegen-rassismus.de
Wenn Lehrkräfte auf Nachfragen mit „Kind seiner Zeit“ reagieren, erzeugt diese Antwort mehr Kritik als der Ausgangstext – zu Recht. Mehrere Forschungs- und Praxisprojekte befassen sich u. a. mit Unterrichtsmaterialien und -projekten zu Rassismus, Diskriminierung und Diversität.
→ forschung-waldorf.de/forschung/projekt/englische-publikation-zum-thema-dekolonialisierung
→ waldorfschule.de/service/diskriminierungsfreie-schule/demokratiekultur-in-schule
4. Noten, Abschlüsse, Nachhilfebedarf
Der Verzicht auf Notendruck in Unter- und Mittelstufe wird von vielen als Entlastung beschrieben. Berichtet wird aber auch von einem abrupten Leistungsanspruch vor den Abschlussprüfungen und von Lücken in Mathematik und Naturwissenschaften nach einem Schulwechsel. Waldorfschulen führen zu allen staatlichen Abschlüssen; der Übergang dorthin ist an einzelnen Schulen offenkundig nicht gut genug vorbereitet. Belastbare verbandsweite Daten dazu haben wir nicht. Diese Lücke möchten wir schließen.
Absolvent:innenstudien zeigen, dass Waldorfschüler:innen sich gut mit ihren staatlich anerkannten Abschlüssen in Ausbildung, Studium und Beruf zurechtfinden:
→ fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=3061371
5. Selbstverwaltung, Klassenlehrer:innenprinzip, Schulaufsicht
Als Schulen in freier Trägerschaft gelten für alle Waldorfschulen dieselben rechtlichen Grundlagen wie für staatliche Schulen. Die staatliche Aufsicht obliegt den jeweiligen Behörden. Der BdFWS ist kein Aufsichtsorgan.
Wir haben in unserer Stellungnahme ausdrücklich festgehalten: Das Klassenlehrer:innenprinzip und die Neigung zur internen Konfliktlösung können Machtmissbrauch begünstigen, wenn wirksame Gegengewichte fehlen. Diese Erkenntnis ist Grundlage unserer Präventionsarbeit. Was wir tun können, ist, unabhängige Wege neben der einzelnen Schule zu schaffen. Die wichtigsten davon sind Schlichtungs- und Beschwerdestellen, die es auf Landes- und Bundesebene gibt: Letztere ist organisatorisch eigenständig und weisungsunabhängig vom Vorstand. Schulmitglieder können sich unabhängig von ihrer Schule dorthin wenden.
→ waldorfschule.de/service/beratung-kontakt/beratung-schlichtung
6. Gewalt, Missbrauch, verzögerte Aufarbeitung
Dies ist das schwerste Kapitel, und es ist auch dasjenige, in dem sich am meisten bewegt hat. Seit 2020 gilt ein verbandlicher Leitfaden zur Gewaltprävention. Alle 258 Mitgliedsschulen haben sich verpflichtet, ein eigenes Schutzkonzept zu erarbeiten und transparent zu machen.
→ waldorfschule.de/service/gewaltpraevention/allgemeine-infos
Es gibt eigene Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt und Missbrauch sowie eine Fachstelle für Diskriminierung und Rassismus.
→ waldorfschule.de/service/beratung-kontakt/anlaufstelle-gewalt-und-missbrauch
→ waldorfschule.de/service/diskriminierungsfreie-schule/fachstelle
Die externe wissenschaftliche Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls an der Freien Waldorfschule Überlingen durch das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) München haben wir begrüßt; ihre Ergebnisse sind Grundlage für verbindliche Rahmenbedingungen zur institutionellen Aufarbeitung, die 2026/2027 in der Satzung des BdFWS etabliert werden.
→ waldorfschule.de/artikel/waldorfschule-aufarbeitung-von-gewalt-durch-einen-lehrer-vor-30-jahren
→ waldorfschule.de/artikel/demokratiestaerkung-bildungsplattform-neuer-vorstand
→ waldorfschule.de/fileadmin/redakteure/Downloads/InstitutionelleAufarbeitung_Web_2026.pdf
7. Finanzierung
Waldorfschulen sind Ersatzschulen in freier Trägerschaft. Das Recht zum Betreiben von Schulen in freier Trägerschaft („Privatschulen“) ist in Deutschland fest im Grundgesetz (Art. 7 Abs. 4 GG) verankert. Sie erfüllen einen wichtigen Verfassungsauftrag, indem sie das staatliche Schulwesen bereichernd ergänzen und die Demokratiebildung stärken. Insbesondere der Ergänzungsauftrag umfasst, dass alternative pädagogische, religiöse oder weltanschauliche Konzepte vermittelt werden sollen, damit Vielfalt gestärkt und einem staatlichen Bildungsmonopol entgegengewirkt wird. Dabei müssen sie dieselben Bildungsziele wie staatliche Schulen erreichen.
Waldorfschulen werden deshalb anteilig staatlich finanziert. Die Elternbeiträge sind einkommensabhängig gestaffelt. Fragen zur Finanzierung einzelner Schulen beantworten diese selbst; Fragen zur Verbandsebene beantworten wir auf Anfrage.
8. Corona, Querdenken, politische Anschlussfähigkeit
Es hat an Waldorfschulen Impfskepsis, fragwürdige Attestpraxis und Nähe zu Querdenken-Milieus gegeben. Der BdFWS hat seine Schulen frühzeitig zur Anerkennung und Durchsetzung der staatlich verordneten Maßnahmen verpflichtet.
Die basisdemokratischen Selbstverwaltungsstrukturen von Schulen in freier Trägerschaft bieten eine erhöhte Angriffsfläche für die Unterwanderung durch ideologisch und politisch motivierte Interessengruppen – dessen sind wir uns bewusst und haben bereits 2015 darauf aufmerksam gemacht.
→ waldorfschule.de/artikel/bund-der-freien-waldorfschulen-warnt-vor-rechtsextremen-stroemungen
Mögliche Kriterien für rechte Anschlussfähigkeit der Waldorfpädagogik wurden frühzeitig definiert und in umfassenden Prozessen, strukturellen Maßnahmen und internen Kampagnen kommuniziert und sichtbar gemacht.
Eine eigene Fachstelle für Diskriminierung, Rassismus und Extremismus sowie Materialien zum Neutralitätsgebot stehen den Schulen zur Verfügung.
→ waldorfschule.de/service/diskriminierungsfreie-schule/demokratiekultur-in-schule
→ youtube.com/watch?v=yvB9KLpuQ98
Kontakt
Für presserelevante Rückfragen:pr@
waldorfschule.de
Wenn Sie selbst Gewalt oder Übergriffe an einer Waldorfschule erlebt haben – heute oder vor Jahrzehnten – wenden Sie sich bitte an unsere Anlaufstelle:
→ waldorfschule.de/service/beratung-kontakt/anlaufstelle-gewalt-und-missbrauch